Endlich wieder Bürgerkrieg!


demokratischenacht02Das Werk X ist - wie sowohl uns, als auch dem geneigten Leser bekannt ist - stark politisch. Ungeniert, unverhohlen und manchmal unangenehm direkt. Dafür halten oft Bücher und bekannte Theaterstücke her, im Werk X bekommen sie dann einen neuen Anstrich als aktuelle Gesellschaftskritik. Diesmal hat der künstlerische Leiter Harald Posch selbst quasi zum Pinsel gegriffen und aus Ödön von Horvaths "Italienische Nacht" eine knallbunte Inszenierung gemacht.

POPPIG-TRASHIG
Wie so oft beginnt das Stück unvermittelt. Mit viel Bewegung auf der Bühne, vielen unzusammenhängenden Aussagen und einem etwas überraschten Publikum. Abstand ist in dem Fall wohl auch die bessere Devise. In der ersten Reihe wird es teilweise sehr laut, außerdem ist die Fassungslosigkeit über die Geschehnisse auf der Bühne wesentlich ausgeprägter. Manche im Publikum fallen auch auf, weil sie auch die regelmäßigen (und meistens unbefolgten) Aufforderungen mitzuwirken noch nicht gewohnt sind. Aber zurück zum eigentlichen Stück.

Durch das Tempo der Inszenierung, den harten Widerspruch von Aussagen und Taten und das zeitweise Chaos auf der Bühne, ist es anfangs gar nicht so einfach, der Handlung zu folgen. Oder auch nur die Handlung zu finden. Wie in der echten Politik beginnt das Stück mit Diskussionen. Der Gemeinderatsdebatte, bei der die Italienische Nacht geplant wird. Damit wird zwar der Rückbezug auf Horvath  veranschaulicht, was genau sie sein soll, ist lange nicht klar. Im Endeffekt wirkt sie wie eine Parodie auf die SPÖ-Feier zum vergangenen 1. Mai. Besonders schwierig ist es in dem Stück nämlich für den Bürgermeister. Voller Ideale und stolzer Reden will er das demokratische Bollwerk der Gruppe sein. Leider ist nur nicht mehr erkennbar, ob seine Ideale vom rechten oder linken Rand des politischen Spektrums kommen, teilweise klingen die Reden auch nach Kopien von der ÖVP.

In der Presseaussendung steht, dass "Demokratische Nacht" ein "poppig-trashiges Theaterspektakel" ist. Und auf das Werk X ist Verlass. Vieles ist verwirrend, vieles wird erst mit der Zeit verständlich - aber die Ankündigung stimmt. Zeynep Buyraç spielt die einzige unpolitische Rolle, dafür verkörpert sie das österreichische Klischeeproletariat so, wie die ganze Inszenierung ist: Laut, auffällig und beneidenswert unverschämt. Obwohl die Rollen gleichmäßig verteilt sind, kaum wer mehr oder weniger Präsenz als andere bekommt, bietet sie in vielen Szenen eine Orientierungshilfe und holt die anderen Charaktere auf den Boden der Realität zurück.

DIE POPULISTISCHE CHANCE IM CHAOS
Das große Durcheinander wirkt aber geplant und soll das Durcheinander in der Politik veranschaulichen. Jeder brüllt seine Meinung in die Masse, ignoriert Antworten und Gegenmeinungen. Das bedeutet auch, dass es irgendwann zu Chaos kommt. Gefährlichem Chaos, denn es birgt eine Chance für den Populismus. Posch nimmt dabei als Regisseur klar Haltung an, die FPÖ wird offensiv und kontinuierlich lächerlich gemacht. Wäre diese Premiere vor einem Jahr gewesen, hätte die FPÖ das Stück als Zeugnis der Hetze gegen sich selbst groß rausgebracht. Vielleicht kommen auch deshalb immer wieder Strache-Zitate vor und es wird offen über die Bedeutung ihrer Forderungen diskutiert. Bis auch die aufrechten Demokraten "Endlich wieder Bürgerkrieg!" rufen.

demokratischenacht01Der Fairness halber werden aber eindeutig alle Parteien kritisiert. Rechte, Linke, Gutmenschen und bewegungsunwillige Systemerhalter. Die SPÖ bekommt wegen des Rücbezugs auf Horvaths Stück aber noch einmal eine eigene Rolle. Es regieren zwar die Republikaner, sie sind aber eigentlich eine Zusammenfassung aller linker/sozialistischer Strömungen. Im Moment ist genau das ein brisantes Thema. Simon Alois Huber sorgt beispielsweise als nörgeliger Fahrrad-Faschist für einen Ausflug zu den Grünen. Dennis Cubic dagegen provoziert in der Bürgermeisterpartei Aufruhr und ideelle Streitigkeiten - als Marxist will er zurück zu ernsthaft sozialistischen Prinzipien. Er ist es auch, der mir einen wirklich guten Witz in der Kritik weggenommen hat.

Vollkommen legitimerweise erhält das Werk X für das Stück Förderungen - vom Bundeskanzleramt und der Stadt Wien. Ironisch deshalb, dass neben den Viktor Adler Zitaten oft von den hohen Zielen der SPÖ gesprochen wird, zum Höhepunkt singt der Bürgermeister im Hintergrund durchgehend "Ich wähl' die SPÖ". Im Exzess der Italienischen Nacht zeigt sich aber die Realität hinter dem Gutmenschentum. Man solle doch bitte spenden, weil "Neger sind auch nur Menschen". Schön geframed zu nostalgischen Austro-Pop-Melodien. Genau an diesem Punkt wird die ansonsten mehr offensive als subtile Werbung für die SPÖ von Cubis unterbrochen. Mit lauthalsen Rufen, dass Förderungen bezahlt werden. Eine Offenlegung, die die ansonsten offensive Pseudo-Werbung für die SPÖ verwerflich machen würde.

LIEBER NICHT UNPOLITISCH
Posch schafft den Dreh aber noch. Die Italienische Nacht ist der dramaturgische Höhepunkt - inklusive Verwirrung beim Publikum. Wobei das Ende der Inszenierung auf der Bühne wohl mit Absicht kurz als Ende der Inszenierung verkauft wird. Dabei beginnt damit erst der anregende Teil. Die Diskussionen, wie man sich inszenieren kann, bilden den Anfang - das Getöse auf der politischen Bühne. Erst, wenn der Vorhang zu ist, wird auch darüber nachgedacht, was denn gerade passiert ist. An dem Punkt merken auch die Personen endlich, was sie so zu verantworten haben. Wodurch dem Bürgermeister nur eines übrig bleibt: Rücktritt wider Willen. Auch für den Rest der Runde bleibt nur ein düsteres Ergebnis. Bei zu viel Populismus bleibt für Posch nur Konklusio: "Alles Nazis".

Trotz dieser düsteren Erkenntnis und dem kritischen Unterton des Stückes ist dem Werk X mit "Demokratische Nacht - Du Prolet!" eine Inszenierung gelungen, die über anderen steht. Die Stilmittel sind die üblichen: plötzliche Musik, der integrierte Bühnenwechsel in der Hälfte des Stückes, Videoeinblendungen und Sex. Aber: Die Kritik ist gleichzeitiger offener und versteckter als sonst. Das Spiel mit dem Publikum ist schockierender und direkter als sonst. Und: Jeder ist gleich. Natürlich wird differenziert zwischen den 'Guten' und den 'Bösen'. Aber auch die Guten sind nicht mehr gut. Sondern haben die selben Probleme, die selben Diskussionen. Und weil sie alle das selbe Chaos haben, bleibt die Wertung weg. Bis auf eine: "Demokratische Nacht" ist sehenswert. Und wer in Versuchung kommt, mittendrin zu gehen, sollte diesen Zwang unbedingt unterdrücken. Sonst nimmt man sich selbst die Chance, das Stück auch zu verstehen.

 

"Die Kunst muss nichts. Die Kunst darf alles"
(E. Fischer).

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