Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt

Im Off Theater in der Kirchengasse kann man Loulou Omer auf der Bühne dabei zu sehen, wie sie über ihr künstlerisches Schaffen reflektiert und das Publikum daran teilhaben lässt. In einem Mix aus Deutsch, Englisch, Französisch und Hebräisch begleitet man die Künstlerin in der Performance "Hinsichtlich der Frage" in dem Prozess der Wesensfindung ihrer Arbeit.

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Zunächst einmal vorweg: das Off Theater wirkt wie ein Abklatsch einer New Yorker Off-Broadway-Show, wenn man durch eine Tür das Gebäude wieder verlässt, nachdem man es zuvor betreten hat, wieder unter freiem Himmel steht, um über die Außentreppe, die Regentropfen auf dem Kopf spürend, in den großzügigen Raum gelangt, in dem Bühnen- und Zuschauerraum nicht klar voneinander abzugrenzen sind.

Auf der Bühne befindet sich ein Klavier, das war's. Im Hintergrund erkennt man zwei weiße Wände. Die Künstlerin betritt den Raum und schon beginnt die einstündige Performance. Gesang, Sprechgesang und Rede wechseln sich immer wieder ab, genauso wie die unterschiedlichen Sprachen, die auch deutlich machen, dass Erschaffen und Reflexion über Kunst immer auch etwas mit Sprache zu tun haben. Diese Bereiche sind untrennbar miteinander verbunden. Ihre Worte zeichnen uns ein Bild davon wie man sich als Künstlerin fühlt und wie man auch immer an Selbstzweifeln leidet, die es zu überwinden gilt. An die weißen Wände, eine der beiden erinnert an ein dickeres L, worauf sich die Künstlerin im Verlauf des Abends immer wieder setzt und den Zuschauerinnen so eine gewisse Räumlichkeit vermitteln kann, werden die Texte projiziert. Teilweise in Druckschrift, an anderen Stellen in Schreibschrift, die sehr schön ist, und manchmal so projiziert wird, dass es rüberkommt, dass die Texte jetzt in diesem Moment sich entwickeln – wie eigene Gedanken. Dadurch entsteht das Gefühl des Jetzigen, der Unmittelbarkeit. Dass man jetzt hier live dabei sein darf, wenn die Worte sich in ihrem Kopf entfalten.

Die Bewegungen zum Geschehen wirken weich und langsam, fast wie in Zeitlupe bewegt sich ihr Körper durch den Raum, im Gegensatz zu den Worten, die schneller auf der Bühne herum zu irren scheinen. Zeit und Raum stehen hier in einer klaren Antithese zueinander.

loulou02Das Hebräische kommt vor allem an Stellen zum Vorschein, (möglicherweise weil es ihre Muttersprache ist) die sehr intim, aber auch beängstigend wirken, wenn Loulou Omer am Boden liegt oder auf allen Vieren durch den Raum robbt und in einer fast flüsternden Lautstärke, nur durch das Mikrofon hörbar, litaneiartige Formeln von sich gibt, die immer schneller und atemloser werden und zeitweise schlussendlich in Aufschreien enden. Als ob man sie bei einem Selbstgespräch ertappt hätte und sie nun als stiller Zeuge beobachtet.

Im letzten Lied "Progrès" wird klar, dass Loulou Omer auch aus dieser Sinnkrise wieder empor gekommen ist, wenn sie singt:

on a absolument besoin du point
absolument besoin de l’infini
absolument besoin
voila que je progresse!

Wir brauchen unbedingt den Punkt
brauchen unbedingt die Endlosigkeit
brauchen unbedingt
Hier seht, ich mache Fortschritt!

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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