Des Körpers Feinde und neue Allianzen

Derzeit ist im Schauspielhaus Wien das Stück "Ein Körper für jetzt und heute" zu sehen, das mit einer erstaunlichen Stimmenvielfalt von einem Aggregatzustand in den nächsten hastet. Ein bewegter Theaterabend ist garantiert!

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RADIKALE IDYLLE
Aus dem Manuskript der verschwundenen Studentin: Die Sonne: Die Erde: Die Wüste. Das ultimative Szenario des radikalen Monotheismus. Zu Beginn des Stückes "Ein Körper jetzt und heute" wird dem Publikum eine Wucht an Worten (zu verdanken: Mehdi Moradpour) mit sanfter Stimme in einem vermeintlich sanftem Setting kredenzt. Im grafitti-geschmückten Brunnen stehen vier Figuren in übergroßen pastellfarbenen Pullis, die sie irgendwann mit zunehmender Unbehaglichkeit von sich reißen und ins Wasser werfen werden.

FREMDER KÖRPER
Unter Qualen schälen sie sich aus ihrer ohnehin unpassenden Haut – was die Tortur des Protagonisten Elija bereits von Beginn an widerspiegelt. Der homosexuelle im Iran lebende Mann entschließt sich auf Druck seines Umfelds zu einer Geschlechtsumwandlung, um mit seinem früheren Partner offen zusammenleben zu können, was für beide ansonsten hochgefährlich gewesen wäre. Er gibt nach, rennt von zu Hause weg und findet sich in einem neuen, ihm fremden Körper wieder.

IDENTITÄT EINFORDERN
Den Körper als individuelles Instrument erlebt auch Fanis, der seiner neuen Liebe eine Niere spenden will und Flo, der seinen technisch aufpimpen möchte, um ihn noch besser vermarkten zu können. Den Figuren ist das schiere Unverständnis von SexologInnen und PsychologInnen gemeinsam – sie werden durch ihre Schikanen bis auf die Haut ausgezogen – die Haut, in der sie sich ohnehin nicht oder nicht mehr zu Hause fühlen.

Das Stück "Ein Körper für jetzt und heute" bietet ein faszinierendes und massiges Potpourri an eindringlicher Sprache, die sich mit der Zeit leider etwas in den "Special Effects" (Bühne als Beamer-Leinwand, Balkonnutzung für Kamera-Sessions bedingte teilweise unstete Szenenwechsel) verliert. Durch unzählige Tropen (Märtyrertum, zweigeschlechtliche Blutegel, Erdöl,) werden die festgesteckten Grenzen des binären Körpers aufgebrochen, es blieb jedoch nicht immer viel Zeit, um diese freigelegten Orte zu erkennen.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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