Geerbte Geschichte?

hiraeth02Kürzlich fand im Off Theater eine Vorstellung besonderer Art statt. Unicorn Art präsentiere unter der Leitung von Nadja Puttner das Tanztheaterstück "Hiraeth - I carry someone else's memory", das die Folgen des Zweiten Weltkrieges auf eine etwas andere Art aufarbeitet.

Das Tanztheaterstück beschäftigt sich mit der Frage, ob die Kinder und Enkelkinder der Kriegsgeneration auch unter den Folgen des Krieges leiden können. Ob sie sich erinnern können, obwohl sie nicht dabei waren und sie deshalb auch mit psychischen Folgen wie Angst, Depressionen und Albträumen zu kämpfen haben.

Auf der minimalistischen Bühne, die nur aus einem Sessel und zwei Stühlen besteht, tanzen, spielen und musizieren drei Personen: Nadja Puttner und Monika Schuberth als Tänzerinnen bzw. Schauspielerinnen und Edoardo Blandamura als Kontrabassist. Das Stück an sich wechselt zwischen Tanzeinlagen und schauspielerischen Szenen, die aber nicht chronologisch und auch nicht unbedingt zusammenhängend sind. So werden in manchen Szenen Erinnerungen erzählt, in anderen klischeehaft Großmütter dargestellt, die sich für ihre Enkel doch nur das Beste wünschen.

Anfangs wirkt das Schauspiel sehr steif und aufgesetzt, eher wie ein auswendig gelernter Vortrag als gespielte Realität. Dies ändert sich jedoch im Laufe des Stückes und man merkt, dass sich die zwei Darstellerinnen auf der Bühne etwas wohler fühlen. Die Tanzeinlagen vermitteln vor allem Gefühle - denn auch wenn man nicht immer versteht, was gerade tänzerisch dargestellt wird, so spürt man es doch auf irgendeine Art und Weise. Man spürt die Bedrohung, die Angst, den Schmerz und die Gewalt sowie den starken Wunsch sich von diesen Gefühlen zu lösen.

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Generell erzählt "Hiraeth" keine zusammenhängende Geschichte, sondern vermittelt Gefühle, die von den Großeltern auf die Kinder sowie Enkelkinder übertragen wurden. Auch das Thema des Nicht-Sprechen-Könnens wird dargestellt auf eine außergewöhnliche Art und Weise, mit der man sich doch identifizieren kann.

Auf den ersten Blick wirkt all dies sehr absurd und man wundert sich, was da auf der Bühne vor sich geht. Auch die schwankenden Leistungen der beiden Tänzerinnen irritieren etwas und als einzige Konstante wirkt der Kontrabassist Edoardo Blandamura, der durchgehend eine unglaubliche Performance liefert. Aber nichts davon ist störend, denn auch wenn die Performance schwankt und man nicht immer versteht, wovon das Stück gerade handelt - die Gefühle werden ungefiltert übermittelt. Und das ist etwas, das im Theater doch nicht immer passiert.

Gegen Ende des Stückes wird es fast provokant, da die beiden Frauen auf der Bühne beginnen, gegen Einwanderer und Flüchtlinge zu schimpfen, wobei sie auch hier kein Klischee auslassen. Man fühlt sich fast genötigt aufzustehen und ihnen ein paar gekonnte Gegenargumente zu liefern. Das Ganze gipfelt darin, dass im Publikum sitzende Tänzer und Tänzerinnen in unheimlichen Masken auf die Bühne hasten und alle gemeinsam eine aufgepeitschte Tanzeinlage liefern. Hier passiert nun so viel gleichzeitig auf der Bühne, dass man kaum weiß, wo man hinsehen soll und man vollkommen mitgerissen wird.

Danach, ganz am Ende des Stückes, wird noch ein Appell gehalten. Ein Appell gegen die Fremdenfeindlichkeit, gegen die Angst des Unbekannten und ein Aufruf für mehr Gemeinsamkeit, Miteinander und vor allem für Kommunikation. Und nach den ganzen Gefühlen, die man im Laufe des Stückes durchlebt hat, kann man sich dem nur anschließen.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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