U6 Chronicles: Essen ist politisch

2018 scheint ein gutes Jahr für U6 Chronicles zu sein. Warum? Weil sich in Wien gegenwärtig unzählige Menschen, Individuen mit unterschiedlichen Lebensphilosophien, kulturellen Hintergründen, Vorlieben und – wichtig für diesen ersten Chronik-Beitrag – Aversionen mehr oder weniger regelmäßig in einem Waggon auf der 17,34 km langen Strecke der Wiener U-Bahn-Linie U6 wiederfinden.

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DIE U6 – EIN VORGESCHMACK
Und weil im September 2018 das zuvor medial hochgepushte Essverbot in der U6 eingeführt wurde. Sozusagen als Vorgeschmack, wie es ab 2019 in allen Wiener Öffis Gesetz und Usus sein soll. Dabei geht es aber natürlich nicht um Geschmack – vordergründig scheint der Geruch von Essen in öffentlichen Verkehrsmitteln uns Menschen unerträglich zu sein, glaubt man der Info-Kampagne.

u61DAS KLEINE KEBAP
"Das kleine Kebab und seine geruchsintensiven Freunde Pizza und Burger haben sich in die U6 verirrt und wollen bitte draußen verspeist werden." Hier sollten wir kurz Halt machen. Wie du und ich und die Frau mit Dackel und der in seine Musik vertiefte Jugendliche mit den massiven Headphones zum Thema Essen in Öffis stehen, wird nicht Kern dieser Zeilen sein. Jemandes Nase und die Erinnerungen, die durch so manchen Odor in einem wachgerufen werden, sind eine höchst intime Sache und jedem sein eigenes Bier.

SCHMERZLICHE ROUTE
Vielmehr drängen sich mir seit Beginn des Medienzirkus’ ums Essverbot und seiner spätsommerlichen Einführung mit all den originellen Plakaten, Videos, Stufenaufklebern, Anzeigen und Durchsagen immer wieder dieselben Gefühle auf. Ob Fan des türkischen Snacks oder nicht – jedesmal wenn das „kleine Kebap“ mit ironischer Stimme auf Bahnsteigen und in Zügen gedisst wird, verspüre ich ein Stechen in der Brust. In weiterer Folge werden zwar seine italienischen, amerikanischen und heimischen Freunde wie Pizza, Burger und Leberkäs gemaßregelt, aber nach einem Monat Essverbot und fast täglicher Route Siebenhirten–Floridsdorf hat sich herausgestellt, dass der Diss-Reigen stets mit dem kleinen Kebap eingeleitet wird.

EMPATHIE
Warum ich um acht Uhr in der Früh mit Kebap empathisiere? Weil ich sauer bin. Weil Wien dem Sandwich, das seit den 1980ern (natürlich nicht nur, aber) gerade das Nachtleben um den Gürtel und die U6 so bereichert, vor allem eines entgegenbringen sollte: Dankbarkeit. Der andere Grund ist simpel: Essen sollte in erster Linie etwas Positives sein. Nähren und verbinden. Über Speisen erfahren wir mehr über ein anderes Land oder eine Person, als uns bewusst ist. Essen ist politisch und das macht sich die Politik zunutze. Mit einer teuren Kampagne, die unausgeschlafene Menschen wie mich und Individuen mit unterschiedlichen Lebensphilosophien, kulturellen Hintergründen, Vorlieben und Aversionen semi-subtil und allzu clever infiltrieren möchte.

Das Stechen lässt nach und ich frage mich, ob wir jetzt auslöffeln, was wir uns eingebrockt haben. Aber es geht ja nicht um Suppe. Oder ums kleine Kebap.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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