BILDENDE KÜNSTE

Frau Picasso wird hundert

Am 8. September 2019 wäre Maria Lassnig 100 Jahre alt geworden. Im März vor vier Jahren ist die österreichische Ausnahmekünstlerin, die sich selbst einmal als »Frau Picasso« bezeichnete, verstorben. Bis zuletzt war sie umtriebig und aktiv, was nicht verwundert, wenn man sich ihren Lebenslauf anschaut. Ihr Leben lang hat sich Lassnig regelmäßig neu erfunden, wieso also mit neunzig plötzlich aufhören? Und so war und wurde Lassnig vieles: Künstlertalent, Volksschullehrerin, Mitläuferin, Auswanderin, Feministin, Malerin, Körperchronistin, Filmkünstlerin, und immer Avantgardistin.

Zum 100. Geburtstag ein kleiner Blick in das außergewöhnliche Leben einer der größten Künstlerinnen Österreichs.

lassnig00Maria Lassnig: Quadratisches Körpergefühl, 1960 © Maria Lassnig Stiftung

DAS LEBEN DER LASSNIG

Dass Maria Lassnig einmal ein internationaler Kunst-Star wird, war damals nicht abzusehen; in der hollywoodgegerbten Wahrnehmung der medial übersättigten Generation Y macht ihre Geschichte aber so viel dramaturgischen Sinn, dass man sich das ganze in den digitalen Schreibstuben von Netflix nicht besser ausdenken hätte können.

Maria Lassnig wird am 8. September 1919 in Kärnten in sehr bescheidene Verhältnisse geboren. Bereits in der Volksschule zeigt sich ihr außergewöhnliches Talent, ein paar glückliche Zufälle ermöglichen es, dass sie auch Zeichenunterricht nehmen kann. Maria geht aufs Gymnasium, macht Matura und wird ihrerseits Volksschullehrerin bevor sie 1940 nach Wien geht und an der Akademie für bildende Kunst Malerei studiert. Nachdem sie im ländlichen Raum von zeitgenössischen Kunstströmungen abgeschnitten war, entdeckt sie nun die Moderne. Bald sagt ihr Professor Wilhelm Dachauer (ein NS-Propaganda-Maler mit einem auf zufällig-zynische Weise passenden Namen) an der Bildenden zu ihr: »Sie malen ja ganz entartet, Lassnig!«

WANDERJAHRE

Es folgen Wanderjahre, nein, Wanderjahrzehnte. Nach dem Studium, 1945, kehrt Lassnig zurück nach Klagenfurt. In den folgenden dreieinhalb Jahrzehnten lebt sie in Wien, Paris, New York und Berlin, ist Teil der internationalen Kunstavantgarde und landet schließlich 1980 wieder in Wien. Ab dieser Zeit hat Lassnig nach Jahrzehnten als mittellose Künstlerin erstmals etwas mehr Geld, und erfährt zunehmend Wertschätzung für ihr Schaffen. Zuerst in Österreich, Anfang der 2000er feiert sie auch international Erfolge.

Trotzdem fühlt sie sich bis zum Ende ihres langen Lebens unterschätzt. Kein Wunder vielleicht – als Frau, die Mitte des 20. Jahrhunderts in den Boys Club »Kunst« eindringt, hat sie es nicht immer einfach. Doch sie lässt sich nicht unterkriegen: So ist Lassnig etwa eine der ersten Frauen, die für Österreich zur Biennale nach Venedig geschickt wird und die erste Malereiprofessorin an der Angewandten. Nicht nur in künstlerischen Belangen eine echte Pionierin.

SUBJEKTIVITÄT UND KÖRPERGEFÜHL

Ein zentrales Thema in Lassnigs Arbeiten ist die Subjektivität der Wahrnehmung, insbesondere bezogen auf den Körper und das eigene Ich. In ihren Körpergefühlsgemälden malt sie Selbstporträts, in denen sie nicht darstellt, was sie sieht, sondern was ihr Körper fühlt. Auffällig ist natürlich auch die Farbigkeit der Bilder, Farbe und deren Wahrnehmung beschäftigt Lassnig bereits seit ihrer Studienzeit. Ebenso ist die Rolle und Stellung der Frau ein Thema, das immer wieder auftaucht, da diese und ihr Erleben derselben für Lassnig selbst oft prägend war – auch wenn sie als Künstlerin nie vorrangig für ihre Weiblichkeit wahrgenommen werden wollte. Nicht zuletzt in diesem Bereich ist Lassnigs künstlerisches Schaffen immer auch eine intensive Reflexion des eigenen – subjektiven – Erlebens und eine Herausforderung an die Betrachterin, das eigene Leben ebenfalls zu reflektieren.

lassnig01Maria Lassnig: Selbstporträt als Prophet, 1967 © Maria Lassnig Stiftung

UND JETZT?

Für diejenigen, die sich jetzt eine Dosis Lassnig geben möchten, ein paar Tipps:
Seit ein paar Tagen zeigt die Albertina eine umfassende RETROSPEKTIVE DER JAHRHUNDERTKÜNSTLERIN mit vielen noch nie zuvor ausgestellten Bildern. Die Galerie Freihausgasse in Villach zeigt noch bis 14. September mit »MARIA LASSNIG UND IHRE SCHÜLER*INNEN« ausgewählte Arbeiten von Lassnig sowie ihrer Studierenden aus der Zeit an der Angewandten. Und Lassnigs ehemaliges ATELIER IN KLAGENFURT wird dieses Wochenende zum ersten Mal überhaupt für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Wer sich abseits eines Museums intensiver mit Lassnigs Leben beschäftigen will, dem und der sei Natalie Lettners großartige LASSNIG-BIOGRAFIE (Brandstätter Verlag) ans Herz gelegt. Liest sich wie ein Roman.

In diesem Sinne: Happy Lassnig-Day!

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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