BILDENDE KÜNSTE

Die gefühlvolle Seite des Barock

Caravaggio und Bernini. Malerei und Bildhauerei des Frühbarock werden in der neuen Ausstellung des Kunsthistorischen Museum gezeigt, doch eigentlich geht es um mehr als die beiden Künstler, die als Vorreiter galten.

Eigentlich ist der Titel der Ausstellung ja zu kurz gefasst. Denn klarerweise hatten Italiener, noch dazu in der Kunst, damals wesentlich längere Namen. Genau genommen geht es also um MICHELANGELO MERISI DA CARAVAGGIO und GIAN LORENZO BERNINI. Klingt auch gleich viel mehr nach Kunst. Praktischerweise, denn immerhin prägte Caravaggio die Malerei so sehr, dass eine ganze Schule nach ihm benannt ist – die Caravaggisten. Bernini dagegen prägte nicht nur nachfolgende Künstler, sondern unterhielt aufgrund der starken Nachfrage nach seinen Werken eine eigene Werkstatt, in der viel in Gruppenarbeit nach seinen Vorstellungen gearbeitet wurde. Eine nötige Maßnahme, wenn man bedenkt, dass er daneben die Architektur Roms so nachhaltig beeinflusste, dass seine Entwürfe das Stadtbild noch heute dominieren.

INV. 1569 Caravaggio HER9504  1 kleinMichelangelo Merisi da Caravaggio (Mailand 1571–1610 Porto Ercole), Narziss, um 1601 Leinwand, 113,3 × 94 cm, Rom, Gallerie Nazionali d’Arte Antica, Palazzo Barberini
© Gallerie Nazionali di Arte Antica - Bibliotheca Hertziana, Istituto Max, Planck per la storia dell'arte/Enrico Fontolan

Auch wegen des großen Einflusses, den die beiden gehabt haben, orientiert sich die Ausstellung nicht nur an den Künstlern. Denn im Frühbarock begann die Kunst sich an Emotionen zu orientieren. Nur, wer diese beim Betrachter auslösen kann, gilt als großer Künstler. Die Motive selbst spiegelten die Stimmung des Barock wieder, geprägt von der Gegenreformation der katholischen Kirche, aber auch von einer immer weiter aufkommenden Sinnlichkeit.

Es wird sich deshalb an Themen wie Liebe, Schrecken, Leid & Mitleid, Lebhaftigkeit oder auch ekstatischen Visionen von Heiligen orientiert. Einige Motive wiederholen sich mehrmals, werden von verschiedenen Künstlern nebeneinander gezeigt. Einerseits, um das Wirken von Caravaggio und Bernini auf andere zu zeigen und andererseits, um die thematische Interpretation zu zeigen.

Aufmerksamkeit ist gefragt

So gibt es gleich mehrere Versionen von David mit dem Kopf Goliaths, dem Wettstreit zwischen irdischer und himmlischer Liebe sowie Bilder vom Heiligen Franziskus und Maria Magdalena. Der Vorteil des Aufbaus ist so, dass die Entwicklung der Malerei schön nachvollziehbar ist, wie welches Thema im Barock gesehen wurde und welche moralischen Hintergründe interpretiert wurden. Der Nachteil ist, dass die Werke von Caravaggio und Bernini selbst etwas untergehen. Welche Stücke tatsächlich von den beiden sind, erfordert deshalb Aufmerksamkeit beim Durchgehen. Schummeln und Bildtafeln ignorieren geht nicht.

Wenn man hinschaut, sind die Unterschiede aber schnell zu merken. Wie wird beispielsweise David gesehen, wie präsentiert er Goliaths Kopf und was sagen Position im Bild und Körperhaltung der Personen aus? Caravaggios eigene Werke haben mit Tiefenmalerei, die Licht und Schatten besonders stark nutzt, neue Vorgaben geschaffen. Im Kunsthistorischen Museum kann man sehen, wie diese Malweise zum Vorbild genommen wurde und gleichzeitig versucht wurde, die künstlerische Interpretation zu übertrumpfen. Teilweise wirkt es deshalb fast, als ob Caravaggios Werke durch einen zurückhaltenderen Realismus weniger Interpretation und künstlerische Ausschmückung benötigen.

Vielfalt der Motive

Das kann auch daran liegen, dass er sich in der Motivwahl zurückgehalten hat. Heilige und Erzählungen, klare und eindeutige Positionen. Motive wie Leid und Mitleid oder auch die Visionen sind deshalb leicht zu verstehen. Sie werden hauptsächlich anhand von Heiligen und ihren Taten dargestellt. Der Heilige Franziskus in Mediation oder Ekstase. Maria Magdalena in Ekstase, die Dornenkrönung Christi. Einige der Werke wurden ursprünglich als Altarbilder geschaffen und viele von Berninis Statuen wurden vom Vatikan für Kirchen in Auftrag gegeben – zu sehen sind von den Statuen klarerweise nur kleinere oder kleine Vorarbeiten, die als Entwürfe verwendet wurden.

Schwieriger ist die Interpretation von abstrakten Begriffen, die erst optisch umgesetzt werden müssen. Der Kampf zwischen irdischer und himmlischer Liebe ist dafür etwa ein gutes Beispiel. Dargestellt werden etwa Eros (auch als Amor bekannt) und Anteros, die zwei Brüder der Liebe. Der eine steht für die Liebe zwischen Menschen, für sinnliches Begehren. Der andere für die göttliche Liebe, die Lohn für ein sündenfreies Leben ist. Ein Konflikt, der – wie an den Namen erkennbar – schon in der Antike ein beliebtes Motiv war und im Barock wieder aufgegriffen wurde. Als kurzer Exkurs sei hier empfohlen, in der Ausstellung die Skulptur von Alessandro Algardi genauer zu betrachten.

Zusammenfassend kann man der AUSSTELLUNG beruhigt attestieren, dass sie eine tiefgehende Auseinandersetzung mit den Leitmotiven des Barock betreibt und die künstlerische Themenpalette aufzeigt. Unabhängig vom Künstler werden die Werke präsentiert und erklärt, teilweise könnte noch genauer erklärt werden, in welchem Kontext Caravaggio und Bernini als Vorbilder für einzelne Werke zählten. Andererseits: Zu viel Text macht ein Bild meist auch nicht besser, das Schöne an Kunst ist ja, dass sie jeder in seiner Betrachtung selbst interpretieren kann. Und das erlaubt die Ausstellung definitiv, denn von vielen Motiven kann man sich so seine eigene Lieblingsversion in der Ausstellung aussuchen.

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

Back to Top