BILDENDE KÜNSTE

Das ist es, was ich für den Rest meines Lebens tun möchte

Autor, Musiker, Dichter, Medienkünstler, Maler, Choreograph – der bayerisch-österreichische Künstler Daniel Bierdümpfl lässt sich schwer in eine Schublade stecken. Unter den Einsendungen für unsere Reihe ETC. sucht ETC. stachen seine unkonventionellen Fotografien und Gedichte hervor. Nun erzählt er uns, welche Lektionen er dank seiner Ausbildung zum Instrumentenbauer lernte und was die meisten Künstler*innen wirklich antreibt.

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Fotografie aus der Serie "L'Ombre De La Nature" © Daniel Bierdümpfl

Daniel Bierdümpfls künstlerische Interessen passen nicht in einen Absatz.

Er macht Musik, choreographiert, dichtet, schreibt, malt, zeichnet, fotografiert, und schauspielert. Ob er zur Gitarre, zum Pinsel oder zum Kugelschreiber greift, hängt von seiner jeweiligen Stimmung ab."Manchmal interessiere ich mich sehr für Malerei, und dann zeichne ich auch viel aber jetzt zum Beispiel schreibe ich sehr, sehr viel."

Er versuche, immer offener allen Kunstrichtungen und Erfahrungen gegenüber zu sein. Zu den im Frühjahr bei uns eingereichten Arbeiten, unter anderem der Fotoreihe "Odd Fish" und mehreren Gedichten, kann er jetzt nicht mehr viel sagen. "Meistens ist es so, dass mich in einem Moment etwas interessiert und mit der künstlerischen Umsetzung dann sehr schnell für mich abgeschlossen ist." Zum Zeitpunkt des Interviews schreibt er an einem Theaterstück, und nutzt die Zeit in Wien, um sich Inspiration zu holen.

Auch Daniels Biografie ist facettenreich. Geboren im bayrischen Rosenheim, zog er mit seiner Familie mehrmals um und verbrachte seine Jugendjahre in Erl in Tirol. Seine Mutter arbeitete als Angestellte in einem Büro, und wollte, dass ihr Sohn etwas "wirtschaftlich Sinnvolles" studiert. Sein Vater war und ist als Garten- und Landschaftsbauer tätig.

Seine Eltern trennten sich früh. "Da gab's mal nicht so rosige Zeiten auch," erzählt Daniel. Mal wohnte er beim Vater, mal bei der Mutter, dann wieder beim Vater. Diese Herausforderungen haben Daniels Persönlichkeit mitgeformt: "Ich war sehr früh sehr selbstständig, und hab mich unterbewusst intensiv mit Psychologie auseinandergesetzt, und mit dem Wesen des Menschen. Sonst wär ich heut ein anderer." Der Vater, ein "künstlerischer Freigeist", der Schlagzeug spielte, füllte das Haus mit Musik: Police, Simply Red, Miles Davis.

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Fotografie aus der Serie "L'Ombre De La Nature" © Daniel Bierdümpfl

Liegt die Wurzel seiner künstlerischen Umtriebigkeit in seiner Kindheit?

"Ich glaube, dass der Schaffensdrang – da geht's glaub ich ganz, ganz vielen Künstlern so – ursprünglich aus einer traumatischen Situation herauskommt. Das ist ganz oft so, wenn man ein Trauma hatte, oder sogar eine Depression, dass Menschen den Automatismus entwickeln, dass sie sich immer fernhalten müssen von dem Gedanken, der das triggert. Ich denke, darum war ich immer so geschäftig, aber dass ich meine Traumata mit der Zeit aufgearbeitet habe, und jetzt als Endresultat bestehen bleibt, dass ich einfach gern Dinge tue, weil ich das schön finde, wenn man etwas geschaffen hat, oder wenn man mit anderen zusammen irgendetwas schafft. Man lernt so viel, und ich bin sehr lernwütig."

Die Musik spielt immer noch eine große Rolle in Daniels Leben, auch heute noch ist er freiberuflich als Musiker tätig, hauptsächlich spielt er Jazz-Gitarre und Kontrabass, sowie traditionelle Musik aus ganz Europa, vor allem aus dem Balkan. Außerdem hat er sich einige folkloristische Instrumente aus Bulgarien und Armenien selbst beigebracht, aber "mehr schlecht als recht", wie er lachend anmerkt. Die Musik war es auch, die ihm sein erstes bewusstes Kunsterlebnis bescherte. "Ich kann mich an ein musikalisches Erlebnis erinnern, wo ich einen meiner ersten Auftritte gespielt hab und ich einfach so ein unglaubliches Freiheitsgefühl verspürt hatte, dass ich mir dachte: Das ist eigentlich was ich für den Rest meines Lebens tun möchte."

Trotz seiner frühen Liebe zur Musik entscheidet Daniel sich gegen ein Musikstudium. "Ich dachte mir, wenn ich mein Hobby zum Beruf mache, dann will ich damit nichts mehr zu tun haben. Somit bin ich dann irgendwie auf die Instrumentenbauschule in Hallstatt in Oberösterreich gekommen, wo ich dann die Ausbildung zum Streich-, Zupfinstrumentenbauer gemacht habe."

Die vier Jahre in Hallstatt sind in jeder Hinsicht prägend. Er erhält eine umfassende Handwerkerausbildung. Nebenbei verdient er sich seinen Lebensunterhalt, tischlert, zimmert, hilft aus. Seine frühe Eigenständigkeit ist ihm wichtig. "Von 16 an haben meinen Eltern auf mich vertraut, weil sie gesehen haben, dass ich für die Dinge scheinbar eine gewisse Ambition hatte oder einfach die Sachen durchgezogen hab, auf die ich Lust hatte."

In Hallstatt ist Daniel auch konfrontiert mit einer Dichotomie, die sich durch unser Gespräch zieht: Struktur versus Freiheit. Die Instrumentenbauerausbildung erfordert Präzision, hier zählt jeder Millimeter, jede Kerbe, jedes Detail. Dafür ist Daniel heute noch dankbar. "Sobald der Maler gelernt hat, zu malen, in allen Facetten, hat er das Werkzeug und ein größeres Vokabular, sich auszudrücken, häufig erst dann kann er das zerbrechen und Neues entstehen lassen."

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Fotografie aus der Serie "L'Ombre De La Nature" © Daniel Bierdümpfl

Gleichzeitig lernt Daniel auch einen freieren Zugang zum Kunsthandwerk kennen, und zwar durch seine Bekanntschaft mit der Hallstätter Handwerkerfamilie Lobisser. "Für diese Familie habe ich immer mal wieder gearbeitet und die sind mit sehr viel mehr Herz dabei. Dort habe ich gelernt, zu sehen was Handwerk ist, unterscheiden zu können zwischen industriell hergestellten Dingen und Handgemachtem. Man sollte sehen, wo die Raspelspuren sind."

Nach dem Ausbildungsabschluss arbeitet Daniel für einige Zeit als Geigenbauer in Vorarlberg, dann in Wien. Seit ein paar Jahren lebt er in Linz, wo er heute freischaffend vorrangig als Berufsmusiker arbeitet und an der Linzer Kunstuniversität "Timebased and interactive media art" studiert – trotz seiner anfänglichen Vorbehalte gegenüber der Akademisierung von Kunst.  "Ich war immer der Meinung sowas kann man nicht beibringen, und war demgegenüber eher verschlossen, und das find ich auch inzwischen sehr naiv von mir, weil man sehr viel lernen kann, wenn man offen genug ist. Ich versuche gerade mich auf allen Ebenen zu öffnen, so dass ich das auch genießen kann.“

In letzter Zeit ist Daniel immer mehr bewusst geworden wie wichtig es ist, seine Komfortzone zu verlassen und Neues auszuprobieren. "Bei mir handelt es sich meistens um Dinge, die die allerwenigsten überhaupt ausprobieren wollen würden, deshalb weiß ich auch nicht wie es ausgehen wird. […] Wenn ich was nicht mag, dann ist es Repetition. Es ist sehr wichtig für mich und für jeden zu lernen, immer auszubrechen. Das ist auch wichtig für die eigene Disziplin, das eigene Bewusstsein, und die Aufmerksamkeit, immer wieder Dinge zu tun, die man von sich selbst auch nicht erwartet."

Was diesem Ausbrechen oft im Weg stehe, sei die Angst.

"Ich versuche mich vor nichts zu fürchten, das geht natürlich nicht zu 100%, aber man kann seinen Körper, wie ich glaube, ziemlich gut kontrollieren. Ich will Herr über meinen Geist und meinen Körper, und mir bewusst über meine Automatismen sein, und dafür muss ich bewusst aus denen ausbrechen, um emotional wachsen zu können, und nur dann kann ich meiner Meinung nach auch interessante künstlerische Positionen einnehmen."

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Fotografie aus der Serie "L'Ombre De La Nature" © Daniel Bierdümpfl

Worum geht es ihm bei seinen künstlerischen Projekten, was treibt ihn an? Es gibt immer eine Intention, oder das Bedürfnis, eine Emotion zu vermitteln, erzählt Daniel. "Oder man hat die maßgebliche Notwendigkeit, wie Egon Schiele oder Jean-Michel Basquiat, die selbst von sich sagten, sie hatten keine andere Wahl als Kunst zu machen. Da war eine Notwendigkeit, diese aufgestaute Emotion irgendwo in ein Medium zu packen, sonst wären die beiden vermutlich implodiert.“

Ihm gehe es manchmal darum, Geschichten zu vermitteln, viel öfter aber auch darum, kurze Impulse und Emotionen einzufangen. "Da hängt ein Bild von dir und jemand hält inne es zu betrachten, du gibst Anstöße, du erschaffst etwas. Sei dahingestellt ob das Resultat negativ oder positiv ausfällt. Kunst hat so eine unglaubliche Kraft Leute zu bewegen, und zu inspirieren. Darum bin ich Künstler, weil ich genauso von so vielen anderen Künstlern berührt wurde und immer noch werde; von Malern, Lyrikern, Schriftstellern, Fotografen, Schauspielern, Musik… etc."

Das schönste Kompliment sei für ihn, wenn aus seiner Kunst etwas Neues entsteht.

"Ich habe das vor Kurzem auch in der Musik erlebt, dass jemand, weil ich schon vor Jahren begonnen hab eine gewisse Art von Jazz zu spielen, gesagt hat, ich spiel jetzt dieselbe Musik, wegen dir. Das ist unglaublich berührend wenn du so jemanden selber Musik machen hörst und daraus etwas Neues entstanden ist."

Die nächsten Projekte stehen schon an. Aktuell läuft in Linz in Zusammenarbeit mit der Initiative Raumschiff sein Theaterstück "Stadtstück: Innere Ohnmacht", eine performative Stadtführung. Möglicherweise gibt es ein abgeändertes, an die jeweilige Lokalität angepasste Version des Stücks bald auch in anderen Städten zu sehen, vielleicht auch in Wien.

Über Daniels vielfältige Projekte kann man sich online informieren: seine Musik teilt er vorrangig auf seiner facebook-Seite, seine Fotografien, bildende Kunst und andere Projekte hauptsächlich auf Instagram.

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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