FILM

Selbstfindung ist jetzt salonfähig

fleabag01 kleinFleabag, Abbildung: Amazon

Drei Jahre nach der ersten Staffel erschien diesen Sommer dann doch der zweite Durchgang für die fulminante britische Serie "Fleabag". Idee, Konzept sowie Drehbuch stammen von der bezaubernden und unglaublich begabten Phoebe Waller Bridge, die ebenso die Hauptdarstellerin darin zum Besten gibt.

Sowohl beste Freundin als auch Identifikationsfigur

Alle paar Jahre findet man diese eine Serie, bei der man sich denkt: Huch, warum bin ich denn im Fernsehen zu sehen? Natürlich überzeichnet, und man hat noch nie seinen sensiblen Freund in der Dusche mit einem riesigen Küchenmesser "überrascht", um die Beziehung am Laufen zu halten, aber im Großen und Ganzen entfalten sich hier die prägnanten Themen seines Lebens. Bis man sich tausende Videos, über Interviews zu Porträts und Analysen, auf allen möglichen Online-Plattformen reinzieht (das mache zumindest ich immer, wenn ich in Serien oder Filme reinkippe.) und dann zu dem Schluss kommt: Es geht allen so. Das ist der Clou oder auch das, was die Serie "Fleabag" zu diesem Phänomen macht und wodurch sie ihre Ausstrahlung erhält: Alle können sich mit der Hauptperson identifizieren. Weil in uns allen ein bisschen etwas von ihr steckt, unabhängig vom jeweiligen Geschlecht. Als ob eine Last von unseren Schultern fallen würde, dass endlich jemand diese ekelhaften Dinge ausspricht, die man sich im Geheimen über sich und andere Personen denkt. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass Fleabag immer wieder in die Kamera mit dem Publikum spricht, und so die vierte Wand durchbricht. Dadurch fühlt man sich wie ein Freund und Verbündeter von ihr.

fleabag02Fleabag, Abbildung: Amazon

Das kollektive Heulen

Bereits der Titel, der gleichzeitig der Name der Hauptdarstellerin ist, verrät einiges über die Serie. Auf der Online-Seite des Oxford Wörterbuch steht als Definition geschrieben: A DIRTY OR SHABBY PERSON OR ANIMAL . Fleabag kriegt dementsprechend nichts auf die Reihe. Sie hat ein Café, das nicht läuft. Ihre Männerbeziehungen sind geprägt von Bindungsängsten, Selbstzweifel und lustlosem Sex mit mehr oder weniger attraktiven Männern. Ihre Mutter ist vor ein paar Jahren gestorben. Ihr Vater ist mehr daran interessiert, seiner neuen Freundin ein angenehmes Leben zu bereiten und ihre perfektionistische Schwester führt augenscheinlich ein makelloses Leben, mit tollem Job, Ehemann, Haus und Garten. In der ersten Staffel hat man immer das Gefühl, dass da noch etwas kommt, etwas das nicht ausgesprochen wird, das uns als Zuseherinnen ein bisschen besser verstehen lassen würde, warum sie so ist, wie sie ist oder auch warum man so ist, wie man ist.

Ist Erwachsenwerden dann doch sinnvoll?

Die zweite Staffel vereint wieder alle liebgewonnenen und nicht so liebgewonnenen Charaktere der ersten Staffel. Sie steht jedoch in einem klaren Kontrast zur ersten. Fleabag wirkt zufrieden, geordnet und das erste Mal rational denkend. Ein paar Verhältnisse müssen noch geklärt werden, aber man fühlt, dass sie bei sich ist. Sie lebt abstinent, das Café floriert, alle Sachverhalte sind geklärt. Bis der katholische Priester auf der Bildfläche erscheint und man die Anziehungskraft der beiden durch den Bildschirm spüren kann. Irgendwie wartet man dann gerade deswegen auf die Eskalation, das große Drama, eine Überreaktion, wie sie in der ersten Staffel nicht nur einmal vorkam, irgendetwas, das das Leben von Fleabag aus den Angeln hebt und sie daran zerbrechen lässt. Aber es kommt nicht. Ihre Reaktionen sind reifer. Man hat das Gefühl, dass sie erwachsen geworden ist.

Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt

Meistens gibt es zwei Kategorien von Serien. Entweder bringen sie einen zum Lachen oder zum Weinen. Die wenigsten können beides. "Fleabag" schafft es, immer wieder, bis man sich vor Lachen nicht mehr einkriegt oder mit Liebeskummer vor dem Bildschirm liegt. Zu sehen gibt es die Serie auf Amazone Prime Video. Wer dort kein Konto haben sollte, der kann sich für dreißig Tage kostenlos ansehen, was man dort alles findet. Zunächst die gute Nachricht: Mit zwei Staffeln und insgesamt zwölf Episoden ist man relativ schnell durch mit allen Folgen und die dreißig Tage reichen locker. Nun, die schlechte Nachricht: Das war es. Mehr gibt es nicht. Angeblich, weil wie man weiß: Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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