FILM

Alltagsgeschichte(n)

Bereits ein halbes Jahr ist es her, dass Elisabeth T. Spira starb. Sie war eine großartige Journalistin, Geschichtensammlerin und ich würde sie sogar als (meine) Heldin bezeichnen. Im Nachruf in der Presse stand, dass sie stets beliebt war, "obwohl sie eigentlich keine war, die aktiv darum gekämpft hatte, gemocht zu werden." Eine ihrer Glanzleistungen waren die Alltagsgeschichten, die Bürger*innen aus dem Volk an verschiedenen Orten und Situationen zeigen.

alltagsgeschichten02Alltagsgeschichte(n) im ORF, Bildquelle

Die Sendung

Die Sendung  ALLTAGSGESCHICHTE wurde im Jahr 1985 das erste Mal im ORF ausgestrahlt. Darin geht es um die Kinder in der Kaiserstadt. Hier kamen Zeitzeug*innen aus der Jahrhundertwende zu Wort, die über die Lebensbedingungen ihrer Kindheit berichten. Ältere Menschen erzählen von ihren Erfahrungen, Wünschen und Sehnsüchten.

In weiteren Folgen begibt sich Elisabeth T. Spira auf verschiedene Schauplätze, um dort die Geschichten und Erzählungen verschiedenster Menschen einzufangen. Vom Heurigen, zum Espresso oder am Gürtel, es gibt kaum einen Ort, an dem das Team von der "Alltagsgeschichte" nicht war. Mutig und gekonnt stellt Spira ihre Fragen, die selten vorbereitet sind, sondern sich meist aus dem Gespräch ergeben. Sie fragt nach Wünschen und Träumen von den Leuten, was sie beruflich machen, ob die verheiratet sind – kurz, sie interessiert sich für die Menschen. Oft geht es nicht darum, was sie antworten, sondern wie. Es ist sehr spannend und auch rührend, wenn zum Beispiel ein Mann, der seinen Beruf eigentlich gar nicht mag, im Wirtshaus gefragt wird was er tun würde, wäre er auf einmal reich. Diese Frage überrascht diesen Herren sichtlich, er denkt lange nach und antwortet, dass er wahrscheinlich auch hier sitzen würde, nur mit einem schöneren Gewandt. So einfach, so menschlich und das trotz einer Kamera plus Team vor ihm. 

alltagsgeschichten01 kleinElisabeth T. Spira und ihr Team von "Alltagsgeschichte", Bildquelle

Elisabeth T. Spira hat die Gabe, dass sich Menschen wohl fühlen vor der Kamera (man siehe auch "Liebesgeschichten & Heiratssachen"). Beim Heurigen oder in Schrebergärten wird gesungen, es werden Lebenspartner*innen gesucht oder stolz präsentiert, oder sich fürchterlich über die politische Lage in Österreich aufgeregt. Doch nicht nur darüber wird sich ausgelassen, über Ausländer oder Juden wird auch geschimpft. Elisabeth T. Spira macht in solchen Situationen etwas, was nicht viele Menschen können; sie lässt die Menschen reden. Sie steigt in der Sendung auf keine Diskussion ein und bleibt neugierig dran. Sie steht drüber – und darauf kann man wirklich neidisch sein. 

Die eigentliche Heldin

Gerade fällt mir auf, dass ich abschweife. Ich stelle die Interviewerin, Elisabeth T. Spira, und nicht die Sendung in den Fokus des Artikels, was ich eigentlich vorhatte. Doch vielleicht ist sie es gerade, die diese Sendung zu etwas Besonderem macht. Bemerkenswert wie eine Frau, deren Stimme wir nur hören, solch eine Bereicherung für diese Sendung haben kann. Ihre punktierten Fragen haben den Spannungsbogen in der Hand. Es ist eine Freude, eine Trauer, aber auch ein bisschen Sehnsucht, die man fühlt, wenn man die "Alltagsgeschichte" sieht. Besonders empathische Menschen (so wie ich) können sich herrlich in die Gestalten hineinfühlen, die gezeigt werden. Manch eine*r von ihnen wurde durch den ein oder anderen Clip im Internet bekannt. So wie eine Serbin am Brunnenmarkt. Sie trägt eine Lederjacke und Sonnenbrillen und lässt sich darüber aus, dass die Ausländer doch wieder zurück gehen sollen; "Nachhause alle schicken!", so ihre Message. Aus dieser 2-minütigen Szene hat Kurt Razelli einen Remix kreiert. Dadurch hat diese Dame weitere Bekanntheit erfahren. Nicht selten bedient sich der DJ an Monologen aus der Alltagsgeschichte. Manche Sager wurden dadurch Kult.

Zusammenfassend ein Appell an alle: Bitte schaut (weiterhin) die "Alltagsgeschichte". Regelmäßig wird die Sendung im ORF ausgestrahlt und Geheimtipp: auf Youtube findet man auch einige Folgen. Sie sind Kult und für jene, die nicht aus Österreich komme,n eine hervorragende Veranschaulichung auf das alte Wien, das man leider nur mehr so spärlich findet.

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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