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Ein Hoch auf den Serienherbst

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Foto: z yu auf unsplashed

On demand, Netflix und Amazon Prime haben das Massenhobby "Serien schauen" massiv verändert. Deshalb ist es old school, noch immer Serien zu schauen, von denen jede Woche nur eine neue Folge erscheint. Erst recht, wenn sich das über fünf, sechs Monate hinzieht. Trotzdem ist es cool, weil ganz ehrlich: Sie geben uns Sicherheit. Und damit geht es los mit der Ode an den Serienherbst, ein Feiern der Repeat-Binge-Junkies zum wieder einstimmen und ein paar Mutmaßungen, was das mit der Seriennostalgie zu tun hat.

Grundsätzlich ist es wahrscheinlich eine Altersfrage, ob man als Kind jeden Abend um dreiviertel Sieben noch die neue Folge GILMORE GIRLS, davor DAWSONS CREEK und möglicherweise davor CHARMED auf ORF eins erwartet hat. Das Serienweise und tägliche Ritual daran hatte etwas Besonderes, da jeder Tag einen fixen Punkt hatte und die Geschichte sich verlässlich weiterentwickelte. Meistens sind alle bisherigen Staffeln eine nach der anderen durchgelaufen und wenn alles am aktuellsten Punkt der Serie war, hat die nächste begonnen. Gefühlt sind sich so zwei, drei Serien im Jahr ausgegangen, damals – wie Serien noch bei Staffel vier gestanden sind.

Serien als Lebensrhythmus

Ein bisschen älter, wurde auch die Qualität anders. Die Serien waren für älteres Publikum, waren elaborierter und nicht mehr ganz so jugendfrei. Die neuen Staffeln sind deshalb später gelaufen und immer nur eine Folge pro Woche. Wie im amerikanischen Originalkonzept von Serien eben. Das sorgt für eine Struktur, wie sie die TV-Schedules zeigen. Egal welcher Sender, egal welche Uhrzeit, es gibt für alles einen Platz und der organisiert die Woche. Montag ist irgendeine Serie übrig, aus dem Sit-Com-Zeitalter, Dienstag vielleicht eine der Krimi-Serien, in denen seit zehn Jahren derselbe Obduktionsarzt nur einmal in der Staffel den Fall lösen darf. Donnerstag ist Highlight für die 45-Minüter und dank Game of Thrones wird Sonntag noch lange mit genau dieser Serie gleichzusetzen sein. Sagen wir mal, als grobe Idee davon.

Das geht so weit, dass manche US-Sender ganze Tage nach den Serien ausrichten. ABC zum Beispiel verwendet seit mittlerweile fünf Jahren den Slogan "TGIT" für Donnerstagabend, der de facto nur mit Serien von SHONDA RHIMES gefüllt wird. Rhimes wurde in erster Linie mit Grey’s Anatomy bekannt, aktuell läuft Staffel 16 in den USA. Apropos, GREY’S ANATOMY hat durch die lange Laufzeit mittlerweile quasi eine Generation Jugendlicher geprägt und wahrscheinlich wie DR. HOUSE eine ganze Reihe Mediziner zum Studium gebracht.

Seriencharakter oder Freunde?

Wobei ich gestehen muss: Grey’s Anatomy ist meine guilty pleasure. Obwohl es die Serie schon so lange gibt und so viele Charaktere weggegangen sind, andere neu angefangen haben und auch wieder weggegangen sind, kann ich immer noch nicht anders und warte gespannt auf den Start jeder neuen Staffel. Und wenn es hart kommt, kann man zur Einstimmung auch noch ein paar alte Folgen ansehen. Denn das ist das andere: So wie unzähligen Menschen vorher Knightrider, die Olsen-Twins, die Gruppe aus FRIENDS, die Gilmore Girls oder J.D. aus Scrubs ans Herz gewachsen sind, gewöhnen wir uns auch heute noch an Seriencharaktere. Meistens begleiten sie uns aber nicht während eines Jahres mit saisonalen Sonderfolgen, sondern sind auf Netflix für einen zehnstündigen Wochenendmarathon die dominanten Personen unseres Lebens.

Aber trotzdem gibt es wahrscheinlich einen Grund, warum genau diese Seriencharaktere sich so eingeprägt haben. Warum in Runden darüber diskutiert wird, wer Barney aus How I met your Mother ist, warum jemand mit einer großen Liebe für Streunerkatzen an Phoebe aus Friends erinnert und wieso man doch bitte nicht Elliott aus Scrubs sein sollte, nur weil man sich aufregt.

Möglicherweise hat genau diese Bindung an Seriencharaktere den Grund, warum viele der Serien immer wieder als Hype auftauchen. Und es offenbar weltweit Friends-Pubquizzes gibt und Menschen noch immer Tests ausfüllen, welcher Seriencharakter sie sind. Weil Seriencharaktere eben doch nicht nur Flings wie Filmpersönlichkeiten sind, sondern uns begleiten. Und manchmal ist es tröstlich, sie zu haben. Weil wir wissen ja, was ihnen passiert ist. Und deshalb gibt es immer eine Serie, von der man weiß, welche Folge für Liebeskummer gut ist, welche für Frust über den Job gut ist und mit welcher man sich verkatert die letzte Nacht legitim erklären kann. Denn auch unsere Serienlieblinge sind nur Menschen, die manchmal Probleme haben und uns das Gefühl von Empathie geben.

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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