FILM

Friedrich Wilhelm Murnau: eine Retrospektive

Auch, wenn wir Gefahr laufen, uns vor lauter Vor- und Rückschauen ein steifes Genick zuzuziehen, möchte ich wieder über eine Retrospektive sprechen, deren Einträge einzeln viel zu selten betrachtet werden.

Friedrich Wilhelm Murnau sollte nicht nur für "Nosferatu - Eine Sinfonie des Grauens" erinnert werden und allein wegen diesem einen Film zu den wichtigsten Regisseur*innen aller Zeiten zählen. Er hinterließ uns ein weitaus größeres Werk. Filme, die bis heute Menschen berühren und die Geschichte des Films mitprägten. Im  METRO KINOKULTURHAUS fand ihm zu Ehren vom 8.1.–21.1.2020 eine Retrospektive statt, die sicherlich niemanden kalt ließ. Letztendlich verdienen es alle der gezeigten Filme genauer betrachtet zu werden, doch dies wäre eine allzu lange Liste, weshalb ich mich auf eine kleinere Auswahl hier beschränken möchte.

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Friedrich Wilhelm Murnau

Selbst der beste Augenarzt hilft nicht, wenn die Seele im Dunkeln der Nacht Schiffbruch erleidet und man, so gestrandet, die Augen voller Sand hat. Liebe, Eifersucht und Wut führen in die Dunkelheit. Ein Lichtblick ist, dass wir abermals einem großartigen Conrad Veidt begegnen in "Der Gang in die Nacht" (1920). Er wird als blinder Maler kurzzeitig geheilt, um schließlich wieder zur Finsternis zurückzukehren.

Murnaus "Der letzte Mann" (1924) zeigt auf anschauliche Weise eine dystopische Großstadt im Griff des absoluten Kapitalismus. New York als Moloch für Arbeiter*innen, für die ein paar schlechte Tage der Unterschied zwischen harter, undankbarer Arbeit und aussichtsloser Arbeitslosigkeit bedeuten. Das Ende des Films spiegelt den Traum vom Reichtum aus dem Nichts wider, Pecunia ex Machina.

Es ist schon einige Zeit her, dass ich ein paar Worte zur genialen Serie "Taboo" (2017), geschrieben und gespielt von Tom Hardy, zu sagen hatte. Damals erwähnte ich bereits, dass dessen cineastische Wurzeln bis zum gleichnamigen Film Murnaus zurückreichen. "Tabu – a Story of the South Seas“ aus dem Jahre 1931 nimmt dem Drama um Fremdheit, Othering und Einsamkeit vieles Voraus. Eine verbotene Liebe und rigide Gesellschaftsstrukturen treffen in der Südsee aufeinander.

Doch nicht nur Filme in direkter Verbindung zu Murnaus Filmschaffen waren Teil der Retrospektive. E. Elias Merhiges "Shadow of the Vampire" (2000) ist bizarre Mocumentary, Meta-Kommentar und Liebeserklärung an den Vampirfilm in einem. Diese "wahre" Geschichte hinter der Entstehung "Nosferatus" ist dabei genial besetzt: niemand spielt einen größenwahnsinnigen Regisseur (Murnau selbst in dieser Interpretation) besser als John Malkovic und als Vampir, der einen Schauspieler spielt, der einen Vampir spielt, ist auch kaum jemand so passend wie William Dafoe.

Als homosexueller Regisseur zu Beginn des 20. Jahrhunderts fand Murnau Zeit seines Lebens keine Ruhe, was sich in den Figuren der ruhelosen Lebenden, aber auch (Un)Toten seiner Filme widerspiegelt. Die Entwendung seines Kopfes durch Grabräuber im Jahre 2015 wirkt dabei fast wie ein morbides Nachwort zu seinem Leben. Der Kopf ist übrigens bis heute verschollen.

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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