FILM

Du und ich für immer, Baby

Die erste Februarhälfte, die – zumindest in der Werbung – vom Valentinstag und allem, was damit zu tun hat, dominiert wird, ist vorbei, aber der nächste Frühling samt entsprechender zwischenmenschlicher Empfindungen kommt bestimmt. Ein paar Nachträge zum aktuellen Lieblings-Thriller über dysfunktionale Zweierbeziehungen: YOU.

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YOU auf Netflix © Lifetime/Netflix

Bereits die erste Staffel des Netflix-Originals YOU war 2018 ein großer Erfolg und eine der meistgesehenen Serien des Streamingdienstes. In den Sozialen Netzwerken wurde sie heftig diskutiert, auch, weil manche Zuseherin Joe, den obsessiven, manipulativen und gewalttätigen Hauptcharakter der Serie, überaus charmant fand (was nicht unproblematisch ist). Die zweite Staffel wurde jedenfalls sehnsüchtig erwartet und ist seit Ende letzten Jahres verfügbar.

Hello, You.

Für alle, die bisher noch nicht auf den Hype aufgesprungen sind, eine kurze Zusammenfassung: Der New Yorker Buchhändler Joe trifft in seinem Laden auf die Studentin Beck und ist sofort von ihr besessen. Ein kurzer Wortwechsel ist ihm Anlass genug, via Internet alles über sie herauszufinden. Dabei bleibt es aber nicht: Er beginnt ihr nachzustellen, überwacht ihr Handy und orchestriert eine aus seiner Sicht perfekte Liebesgeschichte zwischen den beiden. Dabei hat er keine Probleme, »Störfaktoren« notfalls mit Gewalt aus dem Weg zu räumen. Dass das Ganze nicht gut ausgeht, muss wohl nicht extra gesagt werden. 

Und so zieht Joe zu Beginn der zweiten Staffel von New York nach L.A. um neu anzufangen. Bereits an seinem ersten Tag in der Stadt lernt er die Köchin Love Quinn kennen, fortan seine neue Obsession. Bald fällt er in alte Muster zurück, wobei er sich nicht nur in Loves, sondern auch in das Leben ihrer Familie einmischt. Es wird gestalkt, gelogen, gekidnappt und, ja, auch gemordet. 

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Aus der 1. Staffel YOU auf Netflix © Lifetime/Netflix

Liebe in Zeiten der Digitalisierung

Die erste Staffel stellt den Horror der Übergriffigkeit aus, den Schrecken über die Diskrepanz zwischen Joes äußerer Erscheinung und seinem Innenleben. Anfangs ist es noch relativ harmlos, aber bald gleiten die Aktionen in strafrechtlich Relevantes und potenziell Traumatisierendes ab. Dabei durchlebt man die Story gleichzeitig aus Joes Perspektive, wodurch sich das seltsame Gefühl einstellt, irgendwie doch Empathie für diesen kranken Charakter zu empfinden. Interessant ist, dass Beck selbst leicht obsessive Tendenzen besitzt, die sie allerdings offen zugibt und die in einem anderen Kontext kaum Aufsehen erregen würden: etwa wenn sie Joe gesteht, dass sie ihn gegoogelt hat. YOU stellt aber so die Verbindung zwischen solchem Verhalten und krankhaften Stalking her und wirft die Frage auf, wie weit die Recherche eines eben kennengelernten Menschen »normal« und vertretbar ist – und man gruselt sich ein bisschen vor sich selbst, weil man auch schon Leute auf Facebook gesucht hat. 

Der Abgrund in dir

Dieser Grusel wird in der zweiten Staffel, die psychologischer ist, umso greifbarer. Der Plot ist zwar (wie in der ersten Staffel) höchst konstruiert, aber Realismus ist nicht das Ziel der Serie. Natürlich ist alles überzeichnet, denn es geht nicht darum, eine Geschichte über einen soziopathischen Charakter zu erzählen. YOU ist eine Metapher dafür, was passieren kann, wenn Liebe mit Kontrolle und die eigene Wahrnehmung mit absoluter Wahrheit verwechselt wird; es werden Fragen nach Macht, Abhängigkeiten und Privatsphäre aufgeworfen. Joe ist ein aggressiver Einzelkämpfer in einem Krieg um die Deutungshoheit der zwischenmenschlichen Verhältnisse, der mit Liebe in Wahrheit nichts zu tun hat. Dabei soll die Serie durchaus symbolisch gelesen werden: die wenigsten Leute stehlen Unterhosen und brechen in fremde Wohnungen ein. Die Empfindungen, die mit Verliebtheit mitunter einhergehen und die Joes Verhalten zugrunde liegen, etwa Eifersucht, übertriebenes Idealisieren des*der Angebeteten oder Überanalysieren einer Situation, kennen aber wahrscheinlich, in weniger ausgeprägter Form, die meisten. Und hier erwischt einen der Schrecken: dass man keimfähige Ansätze dessen, was in Joe die grauslichsten Blüten treibt, in sich selbst entdeckt, wenn man genau genug schaut.

YOU ist nicht nur eine spannende Thriller-Serie, sondern ein Kommentar darauf, wie wir in Zeiten der Digitalisierung und Individualisierung romantische Beziehungen leben, welche Bedeutung wir diesen zukommen lassen und wie wir uns selbst in Bezug darauf identifizieren. Große Empfehlung für das nächste Binge-Watching!

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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