FILM

Die Welt ohne Kino?

Der Film ist seit seiner Entstehung untrennbar mit dem Kino verbunden. Wie das Gebet mit dem Tempel, ist der Film im Kinosaal zuhause, dem Ort seiner ersten Begegnung mit dem Publikum. Das Kino ist hierbei nicht nur Projektionsfläche, sondern dreidimensionaler Projektionsort mit mehreren Projektionsräumen. Oberflächen, die mannigfaltige Bedeutung für das Sehen und Rezipieren von Filmen haben. Wirkt sich denn nicht auch der Geschmack von Popcorn, das Geräusch des Kartenabreißens, der Geruch der Kinostühle und die Atmosphäre im Saal auf den Gesamteindruck des Films aus? Und wie wird sich die Filmkultur ohne diese Dinge entwickeln?

weltohnekino klein

Welt ohne Kino, Film ohne Kino

Nicht nur die reine Größe der Leinwand des Kinosaals ist der ausschlaggebende Unterschied zwischen Zuhause und dem Kino, sondern auch das vorangehende Ritual des Kartenkaufens, des Kartenabrisses, der Platzsuche und/oder Anweisung und letztlich das gemeinsame Schauen. ICH SCHRIEB VOR EINIGER ZEIT EINEN ARTIKEL DARÜBER, dass "drinnen" und "draußen" durch die Klimaerwärmung näher zusammenrücken, dass diese Räume mehr zu einem werden würden, wenn weniger Schritte vonnöten sind, sich von "drinnen", dem Privaten, nach "draußen", dem öffentlichen Raum, zu begeben. Hierzu zählte für mich vor allem Kleidung anzuziehen und sich länger "vorbereiten" zu müssen auf das Hinausgehen. Das Anlegen einer Maske hat nun wiederrum den umgekehrten Effekt. Der öffentliche Raum, der als gefährlich erkannt wird, wird wieder weiter weggerückt, die für viele neu in den Alltag getretene Maske trennt einem gleichzeitig von der Umwelt und man nimmt darin ein Stück "Daheim" überall hin mit. Der Kinosaal ist natürlich ein Raum, der mit Maske schwer zu denken ist und auch der Mindestabstand ist dort nur schwer einzuhalten. Das ist allein baulich ein Problem und selbst wenn es sinnvoll durchführbar wäre, wäre ein Kino mit nur einer handvoll Menschen darin kaum dasselbe wie ein einigermaßen gefüllter Kinosaal. Hier kommen natürlich auch implizierte Vorstellungen von Erfolg und Misserfolg zum Tragen. Ein erfolgreicher Film wird eher mit einem vollen Kinosaal assoziiert als mit einem leeren.

Isolationsschau

In einer Welt ohne Kino sieht jede*r für sich, es werden keine Beobachtungen mehr gleich nach dem Schauen ausgetauscht, da sich die Diskussion ins Digitale vertagt, in Foren und auf Imdb. Vielleicht werden Streams mit Chatfunktionen zur neuen Normalität, die das Rascheln und Flüstern und das Gefühl einer kommunalen Erfahrung ersetzen oder simulieren? Werden am unteren Bildrand die Silhouetten anderen Kinobesucher*innen eingeblendet werden - man erinnere sich an "Mystery Science Theater 3000" - für eine "authentische Kino-experience"?

Schließlich und endlich wird jede Form des Ersatzes doch kaum an das Original heranreichen, wobei der Erfolg von Netflix, Amazon Prime, Apple TV+ oder auch Disney+ auch bedeuten kann, dass diese originale Erfahrung von Film bei vielen nicht mehr denselben Stellenwert hat wie einst. Eindeutig fest steht jedenfalls, dass auch hier ein Umdenken passieren wird, da die Macht der Kinos 2020 noch einmal erheblich geschwächt wurde und bereits die ersten Vertriebe auf Online-Streaming-Premieren setzen, anstatt ihre Starttermine zu verschieben. Ob das Kino dadurch in absehbarer Zeit gänzlich absterben wird ist zwar unwahrscheinlich, aber eine Anpassung/Adaption wird sicher geschehen müssen.

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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