FILM

What the fuck, Sabrina!?

Erinnerst du dich daran wie es war, als Jugendliche*r zu fernsehen? Am Boden, die halbeingeschlafenen Beine gekreuzt, zwei Meter vorm Bildschirm, immer zwei Meter vorm Bildschirm. Vielleicht weil das was dort am Screen passierte so unendlich mitreißend war? Oder vielleicht weil sich der haushaltsweit einzige Fernseher im Wohnzimmer befand, und somit so öffentlich war wie die Werbeflächen am Times Square. Die örtliche Nähe schaffte zumindest eine Pseudo-Privatheit, obwohl die Elternstimmen aus der Küche deutlich zu hören waren.

Fernsehen in den 90ern war auf eine Weise riskant, die den Jugendlichen von heute schwer zu vermitteln ist. Nicht umsonst lag die Fernbedienung griffbereit neben uns, wie eine Pistole im Holster eines dieser flimmernden Western-Cowboys. Jede Sekunde war damit zu rechnen, dass Jen Lindley, Phoebe Halliwell, Mary Camden oder eines der anderen TV-Bad-Girls unserer Jugend etwas Obszönes von sich gab, wie etwa eine vage Andeutung einer unterm-T-Shirt Fummelei. Wenn es um die Stummschalttaste ging hatten wir 90s-Teenager die Reflexe einer Raubkatze. (Dürfen Teenie-Serien heute deshalb so viel edgier sein, weil sie am iPad vor den Elternblicken geschützt sind?)

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"Sabrina - Total Verhext!", Foto: Pro7

Weil Teenie-Serien so obsessiv zeitgemäß und hip sind, sind sie auch großartige Zeitmesser. Als Mensch am Ende seiner Zwanziger stößt man ohnehin praktisch täglich auf Zeichen, dass man den Styx von der Jugend in die darauffolgende namenlose Entwicklungsstufe längst überschritten hat.

Auf der Suche nach Seelenfrieden mistest du dein Gewand aus und findest ein ausgewaschenes, bauchfreies Fransentop, und du erinnerst dich kopfschüttelnd an eine Zeit, in der dein neues cooles T-Shirt versprach, dein gesamtes Leben zu verändern. Wenn du dich auf Facebook einloggst und auf der Suche nach einem witzigen Schnappschuss für das Polterabend-Spiel deiner Freundin auf einen pseudoartistischen, sepia-gefärbten Digicam-Spiegel-Selfie stößt, dann ziert zwar dein aktuelles Profilbild den Post, aber der Text ist eindeutig verfasst von der Person die vor vielen Jahren in deinem Körper gewohnt hat und auf Social Media ausschließlich über "Coldplay"-Songzeilen kommunizierte.

Und dann bist du zurück im Haus deiner Eltern, zappst dich durch den spätnächtlichen TV-Friedhof und stolperst über eine Folge "Charmed" auf ATV. Und du bist sentimental und entschließt dich, dich in deiner 90er-Nostalgie einzuwickeln wie in einer kuschligen Decke. Und dann merkst du, das ist kein Spalt, das ist kein Graben, das ist ein Grand Canyon zwischen deiner Jugend und deinem Jetzt.

Die Serien meiner Kindheit waren "Charmed", "Die Nanny", "Dawsons Creek" und "Sabrina - Total Verhext!" Laut meinen Recherchen hatte Letztere einen Erfolgsrun von 2001 bis 2002 auf ORF1, damals war ich 9 oder 10. Ich war kein Die-Hard "Sabrina – Total Verhext!" Fan, ich bezweifle, dass das auf irgendjemanden zutrifft, aber es war eben das was lief.

Die Prämisse der Show ist so schlicht wie die Akkordabfolge eines "Spice Girls"-Songs: Gemeinsam mit ihrem gruselig-schlecht animierten schwarzen Kater Salem, dessen doppelsinniger Name an mir damals ebenso vorüber ging wie das "freche" Wortspiel im Titel der Serie, lebt Sabrina Spellman bei ihren schrulligen Tanten, und alle drei verfügen über magische Fähigkeiten. Außerdem gibt es da noch den nervigen Schuldirektor Mister Pool, und natürlich Harvey, Sabrinas Schwarm mit dem Sexappeal von Sellerie. Dafür kann der Schauspieler nichts, aber die Harvey-Rolle hatte eine Anziehungskraft im für Menschen nicht-hörbaren Frequenzbereich.

Du verstehst also was ich meine, wenn ich sage: ich musste jetzt sofort eine Folge sehen.

Die Episode, die ich nach sorgfältiger Recherche auswählte, und definitiv nicht weil sie die erste war auf die ich zufälligerweise auf einer YouTube-ähnlichen Streaming-Plattform stieß, ist eine Halloween Episode, und zwar Staffel 1 Folge 5, "Ein Double auf Abwegen". Ein Glücksgriff, denn Halloween ist ein big fucking deal im Hause Spellman. Ich konnte mich nicht an die Episode erinnern.

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Aus der Folge "Ein Double auf Abwegen", Foto: Pro7

Der zentrale Konflikt der Folge ist, dass Sabrina mit ihren Tanten zum langweiligen Bekanntentreff muss, obwohl sie tausendmal lieber zu Harveys Halloween-Party gehen würde. Sabrinas Antagonistin im Kampf um sexy-wie-eine-Semmel Harvey ist Libby, die wie eine junge Monica Lewinsky aussieht und sich augenblicklich bereiterklärt, Harvey bei den Partyvorbereitungen zu helfen. Doch Sabrina weiß einen Ausweg: sie zaubert sich eine Doppelgängerin, der sie exakt drei Sätze ins Gehirn vorprogrammieren darf, und Sabrina entscheidet sich für: "Oh ja, sehr gern!", "Du hast völlig Recht!", und "Mister Pool ist eine Nervensäge!" (+100 Punkte für den authentischen Teenie-Slang!)

Das Halloweenverwandtschaftstreff ist erwartungsgemäß fad, abgesehen davon, dass die Tanten Sabrina einen Gutschein für ein Wiedersehen mit einer verstorbenen Person ihrer Wahl schenken. Sabrinas Reaktion auf das krasseste Geschenk seit Prometheus den Menschen das Feuer gab: "Ein seltsames Geschenk, was soll ich damit tun?" In diesem Moment denke ich das erste Mal: What the fuck, Sabrina?

Aber Sabrinas WTF-Kanone ist noch nicht leergeschossen. Denn, liebe Sabrina (stell dir hier die Herzblattstimme von Susi aus dem Off vor), jetzt musst du dich entscheiden: Willst du mit Leonardo DiCaprio im Herzblatt-Hubschrauber nach Paris fliegen, oder mit Brandon aus Melrose Place ein romantisches Ski-Wochenende in einem Schweizer Chalet verbringen? No thanks, sagt Sabrina, ich will James Dean. James FUCKING Dean, den Teenage-Hearthrob der … kurz Googlen … 50er Jahre!? What the fuck, Sabrina!

Die paar 60-jährigen Zuseher*innen, die sich zu diesem Zeitpunkt auf einen Gastauftritt des 1955-verblichenen James Dean freuen, werden aber bitter enttäuscht, denn Sabrina entschließt kurzfristig doch lieber ihre verstorbene Großmutter von den Toten zu erwecken. In Form derselbigen bestraft das Karma Sabrina auch umgehend für ihre James-Dean-Entgleisung, denn die zweite (!) Frage, die die widerauferstandene Oma ihrer Enkelin beim emotionalen Wiedersehen stellt, ist: "Hast du denn einen Freund?" What the fuck, Oma?… sagt Sabrina nicht.

Währenddessen nimmt die Handlung auf Harveys Feier einen ziemlichen Dark Turn: das drei-sätzige Sabrina-Double hat sich mit Erzfeindin Libby angefreundet, und als diese ihr vorschlägt sich doch zwecks Aufheizens der Partystimmung auszuziehen, sagt fake-Sabrina "Oh ja, sehr gern."

Und das ist der Moment, in dem ich mich schlagartig zurückerinnere, und wie in "Zurück in die Zukunft" rast die Welt in neonfarbenen Schlieren an mir vorbei und da sitze ich, mit gekreuzten Beinen, direkt vorm Fernseher, 9 oder 10 Jahre alt, und fühle mich … unwohl. Ich kenne die Folge doch. Ich hab sie doch gesehen. Und damals wie heute bin ich optimistisch, dass jemand zu Doppelgängerin-Sabrinas Rettung kommen wird: Robo-Salem? Hot-as-Häupelsalat Harvey?? James Dean???

Doch weder Salem noch James Dean sind vor Ort, und Harvey muss zuerst seine riesige Enttäuschung verkraften, denn so viel Freizügigkeit kann sein von den TV-Produzent*innen in puritanisch-prüdem Rot-blau-weiß gemalter 2D-Charakter nun wirklich nicht ertragen. Und so sprintet das Sabrina-Double zur Belustigung der Partygäste tatsächlich nackt durch den Garten.

Und es fühlt sich falsch an. Falsch. So falsch. Mit 10 Jahren schon. Und heute auch. Aaaber, es gibt ein Happyend!

Als die echte Sabrina endlich auftaucht und erkennt, dass das mit der Doppelgängerin wohl doch keine so gute Idee war, schiebt sie den Striptease kurzum Libby in die Schuhe.

WHAT THE FUCK, Sabrina. WHAT THE ACTUAL FUCK.

Diese Sabrina-Folge war eine emotionale Achterbahnfahrt. Gut, die 90s Fashion ist perfekt, es gibt bauchfreie Tops, Schlaghosen, Colour-Blocking und Samt soweit das Auge reicht. Tante Selda serviert ein paar feministische Wahrheiten („Hildas Singledasein ist absolut freiwillig. Sie weigert sich einen dieser Blindgänger zu heiraten, mit denen sie sich manchmal trifft“), aber auch das kann nicht über das exzessive Slutshaming oder die amnesisch-inkohärenten Dialoge hinwegtrösten.

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Tante Hilda und Tante Selda, Foto: Pro7

Wie gesagt, Teenie-Serien sind exzellente Spiegel ihrer Zeit, und "Sabrina – Total Verhext!" ist eine Zeitmaschine in eine Vergangenheit, in der die zentralen Botschaften an junge Frauen sind: dein Lebensziel ist die Eroberung eines Mannes mit der Intellekt-Farbe beige, deine Erzfeindin Monica Lewinsky kannst du bedenkenlos den Haien zum Fraß vorwerfen, und wenn du die Sätze auswählst, die deine herbeigezauberte Doppelgängerin sagen kann, dann versuch's doch mit "Oh ja, sehr gern!" und "Du hast völlig Recht!"

Ein kleiner Trost: auf Netflix gibt’s eine Neuauflage der Serie, "CHILLING ADVENTURES OF SABRINA". Hoffentlich ist hier nicht nur Kater Salem lebensechter gerendert.

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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