FILM

Eine superdysfunktionale Familie

Ach ja, die liebe Familie. Nirgendwo sonst werden so unterschiedliche Charaktere auf engstem Raum zusammengewürfelt. Seine Familie sucht man sich nicht aus – Familienbeziehungen sind komplex, emotional stark aufgeladen und oft ambivalent. Noch komplizierter wird es, wenn die Familie aus einem uralten Alien-Entrepreneur, sieben Superhelden, einem Roboter und einem sprechenden Affen besteht. Willkommen in der Welt der Umbrella Academy, erfunden von Gerard Way (ja, genau, der von My Chemical Romance).

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Promo-Poster zur zweiten Staffel, © Netflix

Aliens, Superbabys, Roboter und die Apokalypse

Die Geschichte der Umbrella Academy beginnt, als an eines Tages 43 Frauen, quer über die Welt verteilt, in etwa zur selben Zeit jeweils ein Kind auf die Welt bringen. Nichts besonderes, sollte man meinen, schließlich werden täglich ein paar Hunderttausend Kinder geboren. Hier liegt der Fall aber anders, denn keine einzige der Frauen war schwanger, als der Tag begann.

Äußerst rätselhafte Umstände also, die auch die Aufmerksamkeit des weltbekannten Wissenschaftler-slash-Unternehmers Sir Reginald Hargreeves erregen, der nebenbei übrigens auch noch ein Außerirdischer ist. Hargreeves macht es sich zum Ziel, so viele dieser geheimnisvollen Kinder wie möglich in seine Obhut zu bringen. Es gelingt ihm bei insgesamt sieben. Hargreeves nummeriert die Kinder durch anstatt ihnen Namen zu geben (Disclaimer: er ist kein besonders guter Vater) und sie wachsen in seiner Villa auf, der Umbrella Academy, wie er sie nennt. Bald wird auch der Grund für HargreevesInteresse offenbar: Die Kinder haben Superkräfte, die sie unter seinem strengem Monokelblick trainieren und fortan einsetzen, um die Welt vor Unheil zu bewahren, in welcher Form sich dieses auch einstellen möge: Zombies, Roboter, Zombie-Roboter, Roboter-Zombies, lebende Statuen, Außerirdische oder außerirdische Roboter-Zombies, alles kein Problem für die Umbrella Academy. Bald sind die Kinder weltberühmt und umjubelt. 

Die Haupthandlung setzt allerdings erst viel später ein. Die Hargreeves-Kinder sind längst erwachsen und haben sich in alle Winde zerstreut, Nummer 6 ist verstorben, Nummer 5 seit zwanzig Jahren verschwunden, die Umbrella Academy seit einem Jahrzehnt Vergangenheit. Als sie erfahren, dass ihr Adoptivvater das Zeitliche gesegnet hat, treffen sich die Geschwister in ihrem Elternhaus wieder. Viel Zeit zum Trauern bleibt aber nicht. Denn nicht nur sind die Umstände von HargreevesTod sonderbar, plötzlich taucht auch der verschollene Nummer 5 wieder auf, als einziger scheinbar nicht gealtert, immer noch in seinem zehnjährigen Körper, mit haarsträubenden Nachrichten: Er war in die Zukunft gereist und weiß daher, dass die Welt in drei Tagen untergehen wird. Als Ex-Superhelden kann man das natürlich nicht einfach so passieren lassen. 

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Comic-Cover: Das Cover des ersten Comic-Sammelbandes »Apocalypse Suite« © Dark Horse Comics

Vom Comic zur TV-Serie

2007 erschien der erste Band der »Umbrella Academy«-Comicserie, geschrieben von Gerard Way, gezeichnet von Gabriel Bá. Way ist zumindest denjenigen, die ihre Pubertät in den 00er-Jahren durchlebt haben, wahrscheinlich eher als Frontman der Jammer-Band My Chemical Romance ein Begriff. Dass er nebenbei aber auch abgedrehte Comics schreibt, war auch mir bis vor einem Jahr nicht bekannt, es passt aber. Bás kontrastreicher, reduzierter und dynamischer Zeichenstil ergänzt die Geschichte perfekt. Gemeinsam produzierten sie insgesamt drei längere Story-Arcs im Umbrella-Academy-Universum, sowie ein paar Kurzgeschichten, alle erschienen bei Dark Horse

12 Jahre nach dem ersten Erscheinen hat sich Netflix des Stoffes angenommen und eine Life-Action-Serie daraus gemacht. Eigentlich war eine filmische Umsetzung schon viel früher geplant, aber diesbezügliche Pläne von Universal Pictures wurden dann doch nicht umgesetzt. Zum Glück, denn in einer Serie lässt sich schließlich viel mehr erzählen als in einem Film. 

Same same but different

Das übliche Dilemma der Adaption (»Im Buch war das aber ganz anders!«) erspart man sich hier, indem man die TV-Serie grundlegend anders angeht als den Comic. Die bestimmenden Prämissen sind dieselben (unter rätselhaften Umständen geborene Kinder, reicher Alien-Wissenschaflter-Adoptivvater, Reunion der Geschwister nach zehnjähriger Trennung, drohende Apokalypse), aber sowohl der Plot als auch der Style ist in der TV-Serie selbstbewusst eigenständig angelegt. Set- und Kostümdesign, Licht, Kameraperspektiven und CGI machen zwar sofort klar, dass es sich hier um eine Comicverfilmung handelt, es wird aber nicht krampfhaft versucht, den Look der Vorlage nachzuahmen. Bei manchen Figuren wird das Characterdesign ziemlich 1:1 übernommen (etwa im Falle von Nummer 5, Sir Reginald Hargreeves, dem sprechenden Affen Pogo), bei anderen macht die Serie einfach ihr eigenes Ding (so etwa bei Nummer 3 (Allison), Nummer 4 (Klaus), Nummer 7 (Vanya) oder der Auftragskillerin Cha-Cha). Das könnte nebenbei unter anderem den Grund haben, dass man sich um ein bisschen mehr Diversity bemüht (schließlich können auch Frauen Auftragskiller sein, Cha-Cha ist im Comic ein Mann, in der Serie eine Frau, verkörpert durch Rapperin Mary J. Blige). Der Plot der ersten Staffel ist eine Mischung aus den ersten beiden Comic-Strorylines, ergänzt um einige eigene Elemente. Insgesamt schafft es die Serie so, dasselbe schräge Feeling zu beschwören wie der Comic, auch, wenn sie völlig anders aussieht und eine etwas andere Geschichte erzählt. Das muss man auch erst einmal schaffen. Zu empfehlen ist jedenfalls beides.

Die Umbrella-Academy-Comics gibt es beim Comicdealer eures Vertrauens, zum Beispiel bei Pictopia in der Liechtensteinstraße . Die erste Staffel ist seit Anfang 2019 auf Netflix zu sehen, die zweite Staffel kann man ab 31. Juli streamen. 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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