FILM

Before Sunrise. Ein Film mit Wien

Was für die Meisten eine der berühmtesten Romanzen aller Zeiten ist, in welcher auch noch bekannte österreichische Schauspieler:Innen wie zum Beispiel Ernie Mangold auf Hollywood treffen, war für mich lange nur eine mystische Anekdote, auf die ich jedes Mal stieß, wenn ich etwas zum "Friedhof der Namenlosen" recherchierte. Diesen Sommer fand ich jedoch das erste Mal die Zeit, mir diesen Film zur Gänze anzusehen.

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© Castle Rock Entertainment

 

Friedhöfe und solche Sachen

Zunächst stellte ich enttäuschenderweise fest, dass der Film gar nichts mit Vampiren zu tun hat, was ich auf Grund seines Namens eine lange Zeit annahm. "Before Sunrise" ist als Zeitangabe zunächst einmal ganz logischerweise die Zeit für lichtscheue Untote und zum anderen nicht so weit von "From Dusk Til Dawn" entfernt, noch dazu gibt es ja die bereits erwähnte Verbindung zum "Friedhof der Namenlosen" beim Alberner Hafen, durch die ich das erste Mal vom Film gehört hatte. Ich denke, meine Schlussfolgerung, auch in Anbetracht meiner Affinität zum Horrorfilm, ist nachvollziehbar. Doch dann lies ich mich auf diesen Film ohne Untote ein und entdeckte eine wunderbare Zeitkapsel des Wiens der 90er Jahre, wenn auch eine selbstverständlich cineastisch verklärte, was thematisch wiederum ja nicht so weit von zeitlosen, unsterblichen Wesen der Nacht entfernt ist.

Wanderung durch das nächtliche Wien des Jahres 1994

Der erste Dialog des Films findet auf Deutsch statt, ein streitendes Wiener Ehepaar macht in einem Zug auf sich aufmerksam. Für einige finden wir hier wohl den Fremdschämfaktor vor, denn der Dialog wirkt, wie einige Szenen im Film, klischeehaft wienerisch, mehr für ein nicht deutschsprachiges Publikum geschrieben, man soll deutsch zwar hören, aber nicht verstehen. Doch die Intention des Regisseurs dahinter ist klar, denn der Streit des Ehepaars birgt den ersten Gesprächsstoff für die beiden Hauptdarsteller, Céline (Julie Delpy) und Jesse (Ethan Hawk) kommen zum ersten Mal ins Gespräch. Ein Gespräch, dass den ganzen Film – oder eigentlich: eine ganze Trilogie - über dauern soll.

Während die beiden über Gott und die Welt diskutieren und sich dabei romantisch näherkommen, flanieren sie durch Wien. Dass ihre Reise geographisch "unrealistisch" ist und Orte wie der bereits erwähnte Friedhof und der Westbahnhof sehr weit auseinander liegen, wurde in anderen Artikeln bereits zu Genüge aufgegriffen und muss eigentlich nicht weiter besprochen werden, zumindest nicht als Kritik am Film. Ganz umgekehrt ist davon auszugehen, dass Richard Linklater hier sehr bewusst ein fiktives Wien der Träume konstruiert hat, welches gerade deshalb vielleicht "echter", als das echte Wien wirkt. "Realität" und "Authentizität" sind ohnehin problematische Begriffe, wenn es um Film an sich geht. So wird auch zum Beispiel recht häufig als weitere Kritik der dichtende Bettler als klischeehaft bezeichnet. Dies hat für mich persönlich einen ironischen Beigeschmack, habe ich selbst vor Jahren am Schwedenplatz mit einem Obdachlosen darüber diskutiert, wie wahrscheinlich es war, dass es tatsächlich Kaiser Nero war, der einst Rom niederbrannte. Nach dazu ist der Schwedenplatz noch zufälligerweise ganz in der Nähe von dem Ort, an dem die Szene mit dem Bettler stattfindet.

Enden und Anfänge

Gegen Ende des Films, nicht zufällig kurz nach Sonnenaufgang, wird von Jesse ein Teil eines Gedichts von Wystan Hugh Auden zitiert, der Dichter starb übrigens in Wien. Sein Gedicht, "As I walked out one Evening", handelt von der Endlichkeit, vom gnadenlosen Vergehen von Zeit. Die Zeilen „In the burrows of the Nightmare // Where Justice naked is // Time watches from the shadow // And coughs when you would kiss“ werden dabei übersprungen, ob mit Absicht oder nicht, ist schwer zu sagen. Fakt ist jedenfalls, dass der Film, ja die ganze "Before"-Trilogie; ein interessantes Mini-Genre bildet, dass mich dermaßen in seinen Bann gezogen hat, dass ich alle drei Filme in einer Sitzung angesehen habe. Wer Wien einmal ganz anders und doch irgendwie vertraut erleben will, der suche die Nacht. Denn vor dem Sonnenaufgang sind selbst bekannte Gassen oftmals neu zu entdecken.

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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