FILM

Das filmische Werk von Maria Lassnig

Maria Lassnig. Selten hat ein*e Künstler*in solch einen Eindruck bei mir hinterlassen. Die Art und Weise, wie sie in ihren Bildern in die Offensive ging, ist einmalig und unverwechselbar. Das Österreichische Filmmuseum widmete nun auch ihrem filmischen Werk eine Publikation, die vorgestellt werden muss, um einen weiteren Aspekt des gigantischen Werks von Lassnig zu illustrieren.

"Du oder ich"

"Du oder ich", diese Drohung las ich 2005 in einer Ausstellung in der Albertina. Daneben ein Portrait einer nackten, älteren Dame mit zwei Pistolen in ihren Händen, eine auf den/die Betrachter*in gerichtet und eine gegen die eigene Schläfe. Die Ausstellung hieß "Ways of Being" und ich besuchte sie Rahmen einer Schulveranstaltung, was oft nicht die optimale Umgebung ist, um neue Kunst zu entdecken. Man ist schon im Vorhinein geprägt von langeiligem Frontalunterricht und erwartet auch bei Ausflügen nicht viel. Doch ich wurde echt überrascht. Die Mischung aus Mut und Ehrlichkeit und brachialer Darstellungskunst nahm mich gefangen und so habe ich bis heute "Du oder ich" als Postkartendruck auf meinem Schreibtisch.

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"Du oder ich?" (2005) versus "Doppelselbstporträt mit Kamera" (1974) von Maria Lassnig
cropped und bearbeitet von C. Gajsek

"Du oder ich?" als Frage oder Aufforderung, eine Feststellung oder Drohung, eine fundamental entlarvende Kampfansage an den Kapitalismus. Und ist das nicht heute aktueller denn je? Entweder Menschen sterben an einem Virus, oder die Wirtschaft verliert Profit?

Film und Malerei

Doch hier soll es nicht nur um ihr bereits seit den 1980ern weltberühmtes Schaffen als Malerin gehen, sondern ebenso um ihre Arbeit als Regisseurin und Animatorin. In der Publikation des Österreichischen Filmmuseums, herausgegeben von Eszter Kondor, Michael Loebenstein, Peter Pakesch und Hans Werner Poschauko, geht es nicht nur um ein Erfassen des Gesamtwerkes - davon sind übrigens auch einige Filme unvollendet geblieben -, sondern auch um eine Verbindung aus Lassnigs Werk und Biografie. Es werden nicht nur persönliche Erinnerungen von Freund*innen und Bekannten der Künstlerin aufgeführt und ihr Filmwerk mit ihren Schüler*innen Mara Mattuschka und Hans Werner Poschauko und dem Direktor des Filmmuseums Loebenstein ausführlich besprochen, sondern sind zudem auch Scans ihrer "Filmhefte" enthalten.

Das Organische dieser Art der Darstellung versus einer reinen Transkription der Texte ist hierbei hervorzuheben. Skizzen und Wortfetzen, ausgearbeitete Ideen und spontane Einfälle sind hier alle in ihrer ursprünglichen Form abgebildet, denn, und das kann ich nicht oft genug wiederholen, selbst das beste Transkript der Welt kann kein echtes Notizbuch oder gar Skizzen authentisch wiedergeben. Auch der Fund und die Restaurierung des filmischen Nachlasses werden in einem eigenen Kapitel besprochen.

Die DVD

Da Text und Bilder allein aber nicht ausreichen, um Filmen gerecht zu werden, ist der Publikation außerdem eine DVD mit Filmen Lassnigs beigelegt. Die Filme darauf sind ausgewählte "Films in Progress", posthum von Mattuschka und Poschauko fertiggestellte Arbeiten.

Und im Buch sehe ich es wieder, "Du oder ich", aber nicht wirklich, denn es handelt sich in Wirklichkeit hier um eine Fotografie Lassnigs vor einem ihrer Bilder aus dem Jahr 1974, als Lassnig noch in New York lebte und gearbeitet hat. Und die Pistolen sind jetzt auf diesem Gemälde eine Kamera. Also eigentlich, dem imaginären Zeitstrahl folgend, wurde die Kamera später mit - oder von? - den Pistolen ersetzt, ist aber genauso auf den/die Betrachter*in gerichtet. Fast so, als ob hier die Frage gestellt wird: "Du oder ich - wer wird beobachtet?"

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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