LITERATUR

Fantasy für Erwachsene

moers artikel

Zuerst war da die Idee von Käpt'n Blaubär, der ursprünglich von Walter Moers Ende der 80er für Kinder erdacht wurde. Damals gab es schon einige Comics von Moers, auch danach ging es mit Comics wie dem kleinen Arschloch (falls sich jemand daran erinnert) weiter. Doch 1999 wurde der Käpt'n Blaubär aus der Kindergeschichte für Erwachsene quasi neu geboren und damit entstand ein ganzer Kontinent – Zamonien. Und damit eine meiner Lieblingswelten für Romane, weshalb ich sie unbedingt einmal in einem Artikel vorstellen wollte.

Zamonien ist ein bisschen wie Mittelerde ein eigenes Universum. Theoretisch kann es in die Welt eingebettet werden, hat aber wesentlich mehr zu bieten, als die durchschnittliche Vorstellung sich erlaubt. Das beginnt bei den abenteuerlichen Landschaften von Zauberwäldern, Treibsandwüsten und Städten voller Bücher und unterirdischer Labyrinthe. Das klingt nach viel, denn Moers hat ähnlich wie Tolkien ganze Arbeit geleistet. In jedem Buch über Zamonien – mittlerweile gibt es sieben davon – werden neue Charaktere und Landschaften vorgestellt, teilweise referenzieren sie auch aufeinander. Wiederum bildet dafür Käpt'n Blaubär die Basis. Immerhin heißt der erste Band "Die 13 ½ Leben des Käpt'n Blaubär" und in diesen Leben wird nicht nur ein Landstrich Zamoniens vorgestellt. So lernt man neben dem blauen Bären auch gleich Charaktere wie den Universalgelehrten Dr. Abdul Nachtigaller, den Dichter Hildegunst von Mythenmetz oder den Wolpertinger (eine Art gehender und sprechender Hund) Rumo kennen. Womit wir schon bei der Art der Charaktere sind.

FANTASTISCHE CHARAKTERE
Denn Moers' handelnde Personen sind häufig weit entfernt davon, Personen zu sein. Stattdessen gibt es in Zamonien eben eine mehr oder weniger menschenähnliche Hunderasse wie die Wolpertinger, Lindwürmer, die üblicherweise ihr gesamtes Leben mit Literatur verbringen und kleine einäugige Buchlinge oder furchteinflössende aber etwas beschränkte Stollentrolle. Die Vielfalt der Rassen wurde so groß, dass Moers mittlerweile ein eigenes Lexikon über den Kontinent veröffentlichte. Unabhängig, ob Nachtmahr (eine personifzierte Version von Alpträumen) oder Eydeet (besonders kluge Wesen mit bis zu sieben Gehirnen), liebenswürdig sind sie alle. Denn Moers schafft es, jedem Charakter quasi im Vorbeigehen eine tiefgehende Persönlichkeit zu geben und selbst die unwichtigsten Nebencharaktere rasch und detailliert vorzustellen.

Die Folge davon ist natürlich, dass die meisten der Bücher eindeutig in die Kategorie "dicke Bücher" gehören, andererseits verfliegt die Zeit beim Lesen wie im Flug. Womit wir schon beim nächsten Thema sind. Denn Bücher sind nicht nur Moers' Weg, Geschichten zu veröffentlichen, sondern gehören auch zu den Protagonisten. Also nicht direkt, sprechende Bücher gibt es nicht. Doch der Reihe nach. Innerhalb der Zamonien-Serie gibt es mit der Stadt der träumenden Bucher – auch Buchhaim genannt – eine eigene Serie. Zwei Teile gibt es aktuell, ihn ihnen erforscht der bereits erwähnte Lindwurm Hildegunst von Mythenmetz das literarische Zentrum Zamoniens. Denn eine Reise nach Buchheim soll ihm nach dem Tod seiner Dichterpaten dabei helfen seine eigene literarische Entwicklung zu beginnen, doch dann kommt ihm sozusagen die Stadt in die Quere. Mythenmetz verirrt sich nicht nur zuerst in der Stadt, sondern im Laufe der Geschichte und auf der Suche nach Büchern auch in dem unterirdischen Labyrinth voller Bücher unter der Stadt – und damit fängt das Chaos erst an. Nach zwei Büchern endet dieser Faden der Geschichte aktuell mit einem Cliffhanger, ehrlich gesagt einem ziemlich bösen. Trotz mehrfacher Erscheinungstermine gibt es aber noch keinen dritten Teil, stattdessen hat Moers zwei andere Zamonien-Bücher veröffentlicht.

Genau da fängt aber irgendwie der Punkt hinter diesem Artikel an. Denn das, was Bücher großartig macht, ist ja nicht die gewünschte Geschichte. Sondern das Abenteuer im Kopf, das immer weitergeht. Dabei hilft es, dass die Charaktere abstrus und ein bisschen fremdartig sind. Gleichzeitig sorgt genau die Ähnlichkeit zu quasi "Kinder-Charakteren", also eben sprechenden Hunden als Beispiel, dafür, dass alles emotional leicht verbunden werden kann. Im Hinterkopf sind die handelnden Personen deshalb immer ein bisschen süß, die furchteinflössenden sind dafür umso seltsamer und gleichzeitig ein bisschen seltsam in der Vorstellung. Kurzum, es ist eine eigene Welt. Dafür eine, die sehr zum Lachen bringt und viele Abenteuer im Kopf ermöglicht.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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