LITERATUR

Wer richtet wen?

Klaus Oppitz hat es wieder getan und noch ein Buch geschrieben. Diesmal mit besonders viel Introspektive - wir betrachten die menschlichen Abgründe.

Im Gegensatz zu den Vorgängern AUSWANDERTAG und LANDUNTERGANG gehört "Die Hinrichtung des Martin P." nicht in dieselbe dystopische Version Österreichs. Eine Gemeinsamkeit gibt es aber noch. Der psychologische Aspekt, wie und warum menschliche Abgründe entstehen und zu welchen Taten Menschen dann tatsächlich in der Lage sind. KLAUS OPPITZ greift dazu das Thema der Todesstrafe auf und geht darauf ein, ob und wie die Gesellschaft verroht. Die Basis dafür bildet ein tatsächliches Ereignis, konkret der MORD EINES SIEBENJÄHRIGEN MÄDCHENS, der vergangenes Jahr einige Zeit lang die Medien auf Trab hielt. Geborgt sind sowohl der Vorfall, als auch der familiäre Hintergrund - auch Oppitz' Täter stammt aus Tschetschenien und ist noch nicht volljährig. Tatsächlich bleiben Täter und Opfer lange Zeit aber im Hintergrund der Geschichte.

Stattdessen konzentriert sich Oppitz auf die psychischen Abgründe des quasi unbeteiligten Mobs in der digitalen Welt. Denn in Folge des Mordes haben soziale Netzwerke gewalttätige Drohungen gesehen, die wohl mehr Selbstjustiz als den Rechtsstaat bevorzugen würden. Genau darin liegt Oppitz' Faszination.

hinrichtungmartinp01 klein"Die Hinrichtung des Martin P.", erschienen bei Kremeyer & Schremser

Die Wirren der sozialen Netze

Deshalb hat er sich viele Hasspostings genauer angesehen und auch mithilfe von professionellen Gesprächen versucht, die Motivation für derartige Aussagen zu ergründen. Was als Beobachtung und Analyse begonnen hat, hat zu einem Charakter geführt, Martin Pietsch.

Pietsch ist nämlich einerseits am Ende (arbeitslos, schwierige Beziehung, knapp bei Kasse), andererseits ein ganz normaler Durchschnittsbürger. Hat er doch eigentlich nur seinem Alter zu verdanken, dass es in der IT-Branche schwierig wurde, einen Job zu bekommen. Dennoch: ein Mord an einem Kind löst bei vielen Menschen einen emotionalen Ausnahmezustand aus, so auch bei ihm. Also lässt er sich hinreißen, gibt seinen Gefühlen Raum und fordert die Todesstrafe für den Täter. Das führt zu mehreren Konsequenzen.

Soziale Netzwerke senken die Hemmschwelle, was als Meinungsfreiheit akzeptabel ist und wo Menschenrechte und juristische Grenzen nicht mehr geachtet werden. Da auch Pietsch und seine Freundin neben ihren zugrundeliegenden Konflikten bei dieser Ansichtsfrage aneinander knallen, wackelt auch diese und Pietsch verliert sich immer weiter in den sozialen Netzwerken. Bis er sich seinen Gedanken in der Realität stellen muss und seine Aussagen und Forderungen so eine ganze neue Dimension erhalten.

Sozialstudie der (menschlichen) Abgründe

Oppitz hat sich mit Martin Pietsch auseinandergesetzt und ein vielschichtiges Bild eines eigentlich ganz normalen Menschen gezeichnet. Inspiriert von tatsächlichen Hasspostings und den auffindbaren Biographien, aber mit einer Kürzung der Klischees, um weiterhin eine realistische Person zu ermöglichen. Und damit auf eine umso mehr verstörende Art und Weise die Abgründe der menschlichen Psyche aufgezeigt.

In einem Nebenstrang entwickelt sich aber auch die Gesellschaft genau so weiter. Wiederum an der Realität angelehnt werden die Forderungen der Gesellschaft, die Stimmung in sozialen Netzwerken im Laufe des Buches zu einem tatsächlichen rechtlichen Rahmen – was eben Pietsch schlussendlich mit Realität seiner Aussagen konfrontiert. Hintergrund dieser Idee war eine Aussage der früheren Staatssekretärin KAROLINE EDTSTADLER IM FEBRUAR 2018, dass die Stimmung in sozialen Netzwerken als Maßstab für die Urteilsfindung herhalten könne. Dezent problematisch, in der Literatur ist das aber schnell geschafft.

Ein bisschen Menschlichkeit als Lektion?

Genauso schnell werden Menschen durch soziale Netzwerke und deren Druck aber auch in persönliche Krisen gebracht, sehen sich Druck und Urteilen ausgesetzt. Für Oppitz ist das ungesehene Opfer die Schwester des Täters, wobei in ihrem Fall Social Media nur ein Nebentäter ist. Denn noch stärker werden die Bewältigungsmechanismen in Krisen betrachtet, der Wunsch nach Freiheit und die Vielschichtigkeit von Kriegstraumata. Bis der Leser nicht nur schockiert und ratlos über Pietsch ist (aber trotzdem mitfühlen kann), sondern auch die Ausweglosigkeit der jungen Frau spürt. Tja und dann muss jeder Leser sich ein eigenes Urteil bilden, was man daraus lernen kann. Das ist aber eher eine persönliche Empfehlung, denn Oppitz zeigt nur auf. Den Belehrungsanspruch stellt er nicht, er sieht sein Werk als Unterhaltungsroman. "Die Hinrichtung des Martin P." ist sozusagen Unterhaltung mit moralischer Konnotation, aber ohne Belehrung.

DIE HINRICHTUNG DES MARTIN P. ist im September im Verlag Kremayer & Scheriau erschienen.

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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