LITERATUR

Die wunderbare Welt der Zadie Smith

Vor einem Monat erschien der erste Kurzgeschichtenband der Londoner Autorin Zadie Smith, "Grand Union". Grund genug, ein paar Worte über ihr Werk zu schreiben (wenn diese Begründung an den Haaren herbeigezogen scheint, so liegt das daran, dass es meiner Meinung nach eigentlich nie eine Rechtfertigung braucht, um über Zadie Smith zu reden, weil sie eine großartige Autorin ist). Eine Bücherempfehlung, wärmstens.

zadiesmith02Zadie Smith 2016, © Chris Boland  

Zähne zeigen!

Zadie Smith war gerade einmal 25 Jahre alt, als sie im Jahr 2000 ihr Debüt "White Teeth" (zu Deutsch "Zähne Zeigen")  veröffentlichte. Der Roman war ein unglaublicher Erfolg, der Smith quasi über Nacht von einer unbekannten Cambridge-Absolventin zum Shootingstar der Literaturwelt machte. Das Feuilleton überschlug sich vor positiver Kritiken. Man stellte Smith in eine Reihe mit keinen Geringeren als Charles Dickens, Salman Rushdie und Thomas Mann, und reihte ihren bald mehrfach ausgezeichneten Debütroman an mehr oder weniger prominenter Stelle auf diversen "Beste Bücher"-Listen.

"White Teeth" erzählt die Geschichte dreier sehr unterschiedlicher Familien, die im Londoner Stadtteil Willesden leben (wo auch Smith selbst aufwuchs). Im Erzählen dieser Lebensgeschichten, über zwei bzw. drei Generationen hinweg, spannt Smith einen breiten Bogen zwischen unterschiedlichsten Lebensrealitäten, religiöser und politischer Überzeugungen und sonstiger Verfasstheiten, mit feinem Humor und ernsthafter Freude an den unhinterfragten Absurditäten des täglichen Lebens. Und das macht richtig viel Spaß.

In "White Teeth" (wie auch in den später folgenden Romanen) zeichnet Smith vielschichtige, emotional nachvollziehbare Charaktere, die mitunter herrlich schrullig sind und konstruiert mit viel Liebe zum Detail aberwitzige Zufälle, die man, der fiktiven Logik des Romans folgend, allzu gerne unhinterfragt annimmt. Diese beiden "Zutaten" verankert sie in einer realistischen Umgebung – man könnte hier fast von einer Art "magischem Zufall" (analog zum magischen Realismus) sprechen (der Literaturkritiker James Wood bezeichnete das in seiner Kritik zu "White Teeth" in einer ähnlichen Analogie als "hysterical realism").

All the Smith

Nach ihrem extrem erfolgreichen Debüt folgten die Romane "Autograph Man" ("Der Autogrammhändler", 2002), "On Beauty" ("Von der Schönheit", 2005), "NW" ("London NW", 2012) und "Swing Time" (2016), in denen sie jeweils unterschiedlichste Charaktere und zwischenmenschliche Beziehungskonstellationen abfeiert, während sie wie nebenbei die großen Themen des 21. Jahrhunderts bearbeitet: Identität, Herkunft, Klasse, Rassismus, das Leben in einer neoliberalen Leistungsgesellschaft. Die Essaybände "Changing my Mind" ("Sinneswechsel", 2009) und "Feel Free" ("Freiheiten", 2018) beschäftigen sich mit Gentrifizierung und Umweltthemen, klassischer Malerei und Performancekunst genauso wie mit Kino-Blockbustern und Kanye West. Smiths neuer Band "Grand Union" versammelt ein Kaleidoskop von mehr oder weniger experimentellen Kurzgeschichten quer über alle Genres, Themen und Blickwinkel.

zadiesmith01 kleinEine fast vollständige Zadie-Smith-Literatursammlung

So unterschiedlich die Prämissen und Plots ihrer Romane und Erzählungen sein mögen, zieht sich eines durch das gesamte Schaffen von Zadie Smith: Sie erzählt die Geschichten ihrer Figuren mit liebevoller Ironie und Respekt, ohne offen zu moralisieren. Ihre Figuren sind vielschichtig, dürfen Gutes und Schlechtes in sich vereinen, widersprüchlich, überzeichnet sein. Den charakterlichen Ambivalenzen ihrer Figuren begegnet sie mit verschmitztem Humor und Empathie. So schafft sie es, dass die Leserin ein bisschen von sich selbst nicht nur in den Protagonisten, sondern auch in vermeintlichen Antagonisten wiederfindet, und vor allem erkennt: Es gibt mehr, das uns als Menschen – so unterschiedlich wir sein mögen, was unsere Überzeugungen im Hinblick auf Politik, Religion oder Ethik betrifft – verbindet als trennt. Und dass wir uns vielleicht nicht immer gar so ernst nehmen sollten. Beides finde ich tröstlich.

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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