LITERATUR

Perfektes Thema für Wien – die UNO

Im Rahmen der BUCH WIEN 2019 fanden innerhalb weniger Tage unzählige Veranstaltungen an den unterschiedlichsten Orten in der Stadt statt. So unter anderem auch die Lesung von Nora Bossong mit ihrem neuen Buch "SCHUTZZONE" in der Hauptbücherei Wien. Umrahmt wurde die Veranstaltung durch ein Gespräch mit der Literaturkritikerin Katja Gasser.

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Bei der Lesung in der Hauptbücherei, Foto: J. Prokopp

Was wäre die Welt ohne abstrakte Inhaltszusammenfassungen?

Der Roman behandle sehr große, schwer definierbare Themen, laut der Autorin, und zwar Schuld, Gerechtigkeit, Wahrheit, Friede oder auch Versöhnung. Im Zentrum der Handlung steht Mira; eine für die UNO arbeitende Frau, die im Rahmen der Wahrheits- und Versöhnungskommission nach Ruanda geschickt wird. Eben dieses Land, weil dort 1994 ein Genozid stattfand, der innerhalb von 100 Tagen etwa 800.000 Menschen das Leben kostete. Und der Rest der Welt nichts dagegen unternahm, um eigene politische Interessen weiterhin verfolgen zu können. Die UNO will nun also Wahrheit und Versöhnung dorthin bringen, wo sie versagte und diese Dinge wahrscheinlich erst in einigen Jahrzehnten möglich sein werden.

Parallel zu diesen zeitgenössischen Themen kommt es zum Versuch der Erklärung der Motivation der Hauptdarstellerin überhaupt für diese Organisation zu arbeiten, abgearbeitet an ihrem Leben und sie prägende Ereignisse wie etwa die Scheidung ihrer Eltern.

Schutzzone im Politischen und Privaten

"Schutzzone" heißt der Roman aus zwei Gründen: Einerseits wird in der UNO so ein Gebiet oder ein Land genannt, wohin Blauhelme geschickt werden, um friedenserhaltende Maßnahmen durchzuführen und für Sicherheit in diesem Areal zu sorgen. Paramilitärische Gruppen oder auch die Polizei besitzen dort keine Macht mehr. Andererseits meint die Autorin, dass sogenannte Schutzzonen bereits im Kleinen in unserem Leben existieren. Eine der ersten, die viele Menschen erleben, ist die Familie. Dort ist man in Sicherheit. Mit der Scheidung der Eltern wird nun Mira als Kind eine sichere Schutzzone genommen. Als Beispiel für die erste Auseinandersetzung der Protagonistin mit dem Thema Wahrheit und den ersten Rissen mit diesem Begriff, führte Nora Bossong folgendes an: Über dem Bett der Hauptperson hang in ihrer Kindheit ein Bild. Mira nahm dementsprechend an, dass es sich dabei logischerweise um sie handle – wie man als Kind eben dazu tendiert zu denken: mein Zimmer = ich auf dem Bild – und erfuhr später, dass es sich um ein Bild von Picasso handelte und somit Wahrheit für sie nicht mehr dieser unumstößliche, endgültige Begriff war. Jedoch habe ich mir an dieser Stelle die Frage gestellt: Das hat doch nichts mit Lüge und Wahrheit zu tun. Ist das nicht einfach nur die subjektive Wahrnehmung oder auch Wahrheit (wenn man so will) eines jeden Menschen, der dazu tendiert, jemanden zu täuschen? Wahrheit ist ein hier für mich falsch gewählter Begriff. "Belogen" hat sie ja nur ihr eigenes Gehirn.

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Bei der Lesung in der Hauptbücherei, Foto: J. Prokopp

Auftrag leider nicht erfüllt

Eine Lesung ist für mich die Möglichkeit, durch die vorgelesenen Textstellen einen ersten Eindruck von der Handlung zu bekommen, und dass ich ohne jegliches Vorwissen danach eine Ahnung davon habe. Leider haben die ausgewählten Passagen keine wirkliche Klärung des Inhalts gebracht. Das geschah eher durch die Moderation von Katja Gasser mit ihrer perfekten Fernsehstimme, die stellenweise den Plot skizziert hat, um das Publikum auf die Fragen vorzubereiten. Was jetzt zum Beispiel genau das Auftauchen ihres Jugendfreundes mit irgendwas zu tun hat und warum der dort überhaupt ist, verstand ich nicht. Die Antworten von Nora Bossong wirkten manchmal so, als ob sie selbst nicht wüsste, was Anfang und Ende jetzt miteinander zu tun haben. Von Frieden kamen wir zu Schuld, von Wahrheit zu Versöhnung. Die Ausführungen waren sehr lange und ab und zu etwas verwirrend.

Eines muss aber gesagt werden: Die Autorin hat eine unglaublich angenehme Stimme, weiß es, perfekt ihre Texte vorzutragen und darf gerne jeden Abend bei mir vorbeikommen und mir eine Gutenachtgeschichte vorlesen.

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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