Kafka zum Hören

Kafka ist nicht für jeden. Immerhin hat wahrscheinlich ein Viertel der ehemaligen Gymnasiast*innen ein bleibendes Trauma von mangelnden Erklärungen zur Pflichtlektüre "Die Verwandlung" und muss sich erst zu Kafka zurückkämpfen. Einen Weg, wie das funktioniert, kann man jetzt im  VOLX MARGARETEN testen.

"In der Strafkolonie" ist nämlich eine der Kurzgeschichten von Kafka, die schön die menschlichen Abgründe aufzeigt und damit vor mangelnder Menschlichkeit warnt. Liegt vielleicht am Erscheinungsjahr 1919, ist aber nach wie vor aktuell. Anstelle eines Theaterstücks wird die Geschichte als Live-Hörstück vorgetragen und bringt damit Überraschungen. Denn die erste Frage ist: Was ist ein Live-Hörstück?

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Lukas Böck, Sören Kneidl, Robin Gadermaier © Christine Miess / Volkstheater

Nunja, für das  VOLKSTHEATER und besonders Sören Kneidl dürfte ein Live-Hörspiel gut funktionieren. Kneidl hat nämlich schon "Frankenstein" in der Roten Bar als Live-Hörspiel inszeniert und diesmal mit Lukas Böck am Schlagzeug und Robin Gadermaier am Bass (die beide schon bei "Frankenstein" mitgewirkt haben) das Volx als größere Bühne bekommen. Konkret heißt das drei Bereiche auf der Bühne, einer pro Mann.

Hörspiel mit Optik

Weil es ein Hörspiel ist, geht es nicht so viel um die Optik, die Bühne ist also minimalistisch gestaltet, im Vordergrund ist lediglich Kneidls "Tonstation" – das trifft es wohl am Besten – an der für einen Großteil des Stückes die diversen Geräuschkulissen produziert werden. Auch als Zuseher*in, der oder die halbwegs mit Musik zu tun hat, kann man nämlich immer wieder erstaunt sein, wie welche Geräusche entstehen und wie viel mit einer Loopstation erreicht werden kann. Kneidl selbst ist dabei Erzähler, Produzent, Schauspieler und Leitfigur des Stücks.

Er wechselt zwischen den Rollen, zeichnet verbal und akustisch Szenen und sorgt auch immer wieder für Lacher beim Publikum. Der Inhalt ist dabei zwar direkt aus der "Strafkolonie", der Aufbau wurde aber um Hintergründe zur Einleitung erweitert. Das führt zu etwas mehr Kontext, als Kafka in seiner Geschichte direkt mitgibt und so zu mehr Vorstellungen über die Personen und die Szenerie.

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Sören Kneidl © Christine Miess / Volkstheater

Erzählerisch durch Kopfkino

Gleichzeitig führt die zusätzliche Rahmenhandlung dazu, dass Kafkas Kritik noch stärker betont wird. Ohne zu vielen Details: Kafka erzählt, wie ein Beobachter in einer Strafkolonie sich ein Urteil über die dortige Urteilsfindung und Exekutionsmethode bilden soll. Zum Zeitpunkt des Erscheinens wurde Kafka für die offensichtliche Beschreibung von Unmenschlichkeit heftig kritisiert, allerdings kann wohl einiges an Kritik am vorhergegangenen Weltkrieg und auch dem Kolonialismus in dem Text gefunden werden. Was sich phasenweise sehr aktuell anfühlt. Schließlich kann man die mangelnde Verteidigung eines Angeklagten gut mit den heutigen Vorgehensweisen in sozialen Netzwerken vergleichen, auch die Kolonialisierungskritik erhält durch die aktuellen Nachrichten aus dem Nahen Osten einen aktuellen Spin.

Untermalt wird das alles eben von Böck an Schlagzeug und Klavier, sowie Gadermaier am Bass. Einerseits wird Szenisches von ihnen unterstützt, andererseits gibt es zwischen den erzählerischen Kapiteln musikalische Intermezzi, die Musik fühlt sich mit dem Herzrhythmus verbunden an und übernimmt im letzten Teil der Aufführung auch die Untermalung. Kneidl wechselt beim größten Szenenwechsel auf einen reinen Vortrag, wodurch erneut ein Spannungsbogen zwischem den szenisch-einleitendem ersten Teil und dem kritischeren zweiten Teil entsteht.

Insgesamt ist für den Inhalt ja ohnehin nicht ewig Platz, denn in knapp eineinhalb Stunden muss die gesamte Kurzgeschichte durcherzählt sein. Und das ist sie auch. Einziger Punkt: Zumindest das musikalische Ende ist etwas plötzlich. Das ist wohl aber auch so gedacht, schließlich geht die Stille zwischen den Szenen sonst auch ineinander über und das Ende ist so wenigsten eindeutig erkennbar.