Die Welt, wie sie einmal war

In den Jahren 1939 bis 1941 schrieb Stefan Zweig, damals bereits im Exil, seinen Bericht »Die Welt von gestern«, in dem er auch von seinem Traum von einem geeinten Europa spricht. Achtzig Jahre später finden sich einige Parallelen zwischen jenen Stimmungen, die Zweig beschreibt, und dem, was uns heute immer wieder zum Beispiel aus den sozialen Netzwerken entgegenweht.

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Das Cover der wahrscheinlich meistgelesen Ausgabe aus dem Fischer Verlag

Immer noch aktuell

Am Silvesterabend 2019 war ich mit der U6 unterwegs, als mich eine mir völlig unbekannte Dame auf meine Lektüre ansprach: Stefan Zweigs »Die Welt von gestern«, das ich, ein bisschen peinlich das zuzugeben ist es mir schon, bisher noch nie gelesen hatte. »Ein wunderbares Buch«, sagte sie, »so unvermittelt und intensiv. Und so wahnsinnig gegenwärtig, auch heute wieder, leider.« Es stimmt: Vieles von dem, was Zweig in dem Buch beschreibt, fühlt sich irgendwie bekannt an. Wenn auch nicht in seiner konkreten Ausformung, dann doch in den Gefühlen bzw. Grundstimmungen, die sich so äußern. Da gibt es einerseits eine europäische Elite, die überall auf dem Kontinent zuhause ist und der auch Zweig angehört. Andererseits gibt es die weit größere Gruppe weniger Betuchter, deren Gegenwart und Zukunft nicht so sicher scheint. Sie werden zwar in Zweigs Erzählung nicht oder kaum erwähnt, sind jedoch die Masse, die schlussendlich von der Politik instrumentalisiert wird. Während also eine Elite bereits beginnt, den Traum eines geeinten Europas zu träumen, verstrickt man sich bald nach der Jahrhundertwende in kleingeistigen nationalistischen Ideen, die den Kontinent erschüttern, jahrzehntelang nicht loslassen – und die bis heute nie ganz verschwunden sind.

Zweigs Leben

Zweigs Erzählung setzt ein in seiner Schulzeit, über die er das ausgehende 19. Jahrhundert als eine bequeme, freie und sichere, wenn auch behäbige, streng strukturierte und verklemmte Zeit charakterisiert. Er schildert seinen eigenen Werdegang als Schriftsteller, von seiner jugendlichen Obsession mit den Künsten, über seine »Wanderjahre« einmal quer durch die Metropolen Europas, während der er so ziemlich alles trifft, was zu dieser Zeit in Kunst und Kultur irgendeine Form von Rang und Namen hat, bis zum Einsetzen des Ersten Weltkriegs. Er berichtet, wie er den Krieg durchsteht, über die mageren Nachkriegsjahre der Hyperinflation und die darauf folgende Zeit seines internationalen Erfolgs (nicht ohne durchklingende Frustration und Bitterkeit – eh klar, der Mann war zum Zeitpunkt des Schreibens gerade aus seiner Heimat vertrieben, seine Bücher waren verboten und alles, was er besaß war ihm genommen worden). Die Verbreitung nationalsozialistischen Gedankenguts und die Machtergreifung Hitlers beschreibt er als schleichende Entwicklung, die lange von niemandem wirklich ernst genommen wurde. Wer gerne pessimistisch ist, kann auch hier Parallelen zur Gegenwart finden.

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Stefan Zweig um 1912

Auffällig ist, dass Zweig seine beiden Ehefrauen kein einziges Mal namentlich erwähnt. Selbst als er beschreibt, wie er nach dem Ersten Weltkrieg in ein neues Haus zieht und von einem »wir« spricht oder von der zweiten Heirat am Standesamt erzählt (generell würde »Die Welt von gestern« den Bechdel-Test nicht bestehen). Auch sonst wird einiges ausgespart – zum einen, weil Zweig im Exil ohne seine Bücher und Aufzeichnungen schreibt und die Erinnerung nicht ganz verlässlich ist, zum anderen, weil es eben ein fiktionalisierter Bericht ist und keine klassische Autobiografie.

Und Europa?

Zweigs Begeisterung für die Idee eines vereinten Europas ist ein zentrales Motiv der Erzählung. Hier zeigt er sich als ideologischer Vordenker, denn die Idee eines geeinten Kontinents, die für uns heute so selbstverständlich ist, dass manche ihre Sinnhaftigkeit anzweifeln, war damals reine Utopie. So ist »Die Welt von gestern« in Zeiten von Brexit und allgemeinen Europa-Überdruss sehr aktuell, weil anschaulich beschrieben wird, wie es in einem von diversen Nationalismen zerrupften Europa aussieht. Dass das die Überdrüssigen bekehrt oder auch nur berührt, ist fraglich, aber alle anderen haben zumindest ein schönes und kurzweiliges Leseerlebnis. Und vielleicht kann man ja doch ein bisschen was für die Welt von morgen mitnehmen.