Die Lichtsammlerin

In Beatrix Kramovsky’s autobiographisch inspiriertem Roman "DIE LICHTSAMMLERIN" treffen drei Frauen und mehrere geographisch und zeitlich getrennte Lebenswelten aufeinander. Mary, eine Australierin österreichischer Abstammung, Mutter von zwei erwachsenen Kindern, muss zurück in die Heimat ihrer Eltern: Österreich, ein Land, das sie nur aus Erzählungen kennt. Ihre Mutter Erika hat Alzheimer, der Vater ist lange tot. Pflichtbewusst aber höchst widerwillig steigt Mary ins Flugzeug. In Australien lässt sie einen verständnislosen, verärgerten Ehemann zurück; in Linz erwartet sie klimatische und emotionale Kälte. Die Mutter ist ihr schon seit Kindheitstagen fremd. In den kommenden Monaten wird sie endlich verstehen, warum.

lichtsammlerin klein
Beatrix Kramlovsky, "Die Lichtsammlerin", erschienen 2019 bei hanserblau

Anfangs ist es schwierig, den drei Handlungssträngen zu folgen. Da ist die titelgebende Großmutter, Rosa. Im zweiten Weltkrieg riskiert sie ihr Leben, um Unschuldige zu schützen. Den Preis dafür muss nicht nur sie selbst zahlen. Rosa ist eine Lichtgestalt, deren mystifizierte Strahlkraft auf nachkommende Generationen einen langen Schatten wirft. Auch auf das Leben ihrer Tochter Erika.

Nach dem Ende des Krieges erleidet Erika mehrere Schicksalsschläge, die ihren Wunsch noch weiter stärken, der Vergangenheit zu entfliehen. Mit ihrem Mann wandert sie nach Australien aus, wo sie sich heimwehgeplagt aber stoisch durch die Jahrzehnte kämpft. Sie bekommt zwei Kinder, eines davon Mary, eine waschechte Australierin, deren späteres Liebes- und Familienleben turbulent verläuft. Laut Erika kein Wunder, sie komme eben ganz nach der uneinsichtigen, dickköpfigen Rosa.

Nach den ersten, etwas schleppenden Kapiteln nimmt die Handlung an Fahrt auf. Die Frauenfiguren sind vielschichtig, und auch ihre Ehemänner, Liebhaber und Verehrer gewinnen an Schärfe. Leicht haben sie es nicht, die Charaktere in dieser Geschichte. Mit den zahlreichen Verlusten geht jede der drei Frauen auf ihre eigene Art um: Rosa akzeptiert die Opfer, die sie für ihre Prinzipien bringen muss; Erika wünscht sich ein sicheres Leben im Mittelmaß; Mary bleibt zeitlebens eine Suchende. Diese Differenzen erzeugen Konflikte. "Warum kannst du nicht einfach Durchschnitt sein?" fragt Erika ihre Tochter unentwegt. Mary riskiere "unnötige Verletzungen. Außerdem reden die Leute."

BEATRIX KRAMLOVSKY ist eine österreichische Schriftstellerin und bildende Künstlerin, die bereits mehrere Romane, Bildbände, Lyrik und Kurzgeschichten veröffentlicht hat. Mit "Die Lichtsammlerin" fiktionalisiert sie teilweise die eigene Familiengeschichte, rekonstruiert sie aus Erzählungen und Briefen. Die Geschichte ist sorgfältig recherchiert und integriert Zeitgeschichte auf organische Weise, ob in den Erinnerungen Erikas an ihre Internatszeit in Nazi-Österreich, oder in Marys Beschreibungen liberaler Studierendenproteste im Australien der 60er Jahre.

"Die Lichtsammlerin" erzählt von generationsübergreifendem Trauma, von komplexen Mutter-Tochter-Beziehungen und von unumstößlichen Frauen-Freundschaften. Die drei Protagonistinnen sind eigenwillig und kantenreich, und gerade deshalb werden viele Leser*innen sich in ihnen widerfinden. Eine Leseprobe gibt es HIER oder auf YouTube: