LITERATUR

The Handmaid's Tale - der Roman

Mit Dystopien ist das so eine Sache: Einerseits lernt man beim Lesen über eine mögliche, desaströse Zukunft und wie perfide Machtstrukturen sein können. Andererseits ist das Ende meistens eines der deprimierendsten Enden, das man sich vorstellen kann. Wie bei "1984" so auch bei diesem Buch. Über "The Handmaid's Tale" in Lese-Form.

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aus der Serie "The Handmaid's Tale", erstmals 2017 auf Hulu ausgestrahlt

Das Patriachat par excellence

So wie alle anderen Romane dieser Art, die ich kenne, spielt auch diese Handlung in der Zukunft. Hier dementsprechend in der nahen Zukunft ab dem Veröffentlichungsjahr 1985. In der Gesellschaft der Republik von Gilead, ein fiktiver Staat im Nordosten der USA, haben Männer die Herrschaft erlangt. Das Regime stützt sich in seinen Gesetzen und Regeln auf die christliche Religion. Adam hat Eva aus seiner Rippe erschaffen. Alleine deswegen ist das weibliche dem männlichen Geschlecht schon mal unterlegen. Frauen sind in unterschiedliche Kategorien eingeteilt. Die Farbe ihrer Kleidung sagt aus, welchem Stand sie zuzuschreiben sind. Eine Magd, immer in Rot gekleidet, wird einem Kommandanten zugeordnet und hat ihm und seiner Frau ein Kind zu gebären. Die erhoffte Befruchtung findet hierbei durch vollzogenen Geschlechtsverkehr (genauso klinisch wird es auch im Buch beschrieben, wie ein automatischer Akt) im Beisein der Ehefrau statt.

Das System infiltriert alle Lebenslagen. Mögliche Fluchtwege, die man sich selbst zusammenspinnt, werden in den folgenden Seiten durch weitere Erklärungen des alltäglichen Lebens zerstört. Sogar ein Selbstmord wäre nicht so einfach. Es existieren keine Bücher, keine Zeitschriften, keine Unterhaltungssendungen, keine Pornografie – kein kulturelles Leben; klarerweise auf der Oberfläche und für das gemeine Volk. Die mächtigen Männer des Landes gehen regelmäßig in Puffs, um sich zu amüsieren.

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aus der Serie "The Handmaid's Tale", erstmals 2017 auf Hulu ausgestrahlt

Dehumanisierung

Die Protagonistin trägt nicht ihren ursprünglichen Vornamen, sondern heißt "Offred" (Of Fred). Fred ist der Vorname ihres Kommandanten. Frauen sind dadurch auch sprachliches Eigentum ihres Herren. Sobald sie einem neuen Besitzer zugewiesen werden sollten, erhalten sie auch einen neuen Namen, zum Beispiel "Ofglen". Nur die herrschende Elite, hier auch Frauen, ist nicht davon betroffen, ihre Namen abgeben zu müssen. Weibliche Identität gibt es nicht mehr. Ebenso sind die Ehefrauen der Männer darauf reduziert, Kinder heranzuziehen und sonst nichts zu machen. Frauen sind entweder Gebärmaschinen oder Haushaltshilfen oder Prostituierte. Jedes Mitglied der Gesellschaft hat sich auf seine Rolle in dieser zu konzentrieren und sie zu erfüllen; wer sich widersetzt wird bestraft – und das vor aller Augen, um ein Exempel zu statuieren.

Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende?

Dystopien geben mir immer das Gefühl kompletter Hoffnungslosigkeit. Wie sich so ziemlich alle Personen mehr oder weniger mit der Situation arrangieren und darauf warten, dass sie irgendwann sterben. So auch die frühere beste Freundin der Protagonistin. In Rückblicken als Rebellin dargestellt, hat sie sich schließlich ihrem Schicksal komplett ergeben.

Der größte Unterschied zwischen "1984" und "The Handmaid's Tale" ist jedoch, dass Letzteres einem mit einem Funken Hoffnung zurücklässt, dass doch alles noch irgendwie gut ausgeht. "1984" hat mir damals all meine Illusionen genommen und mir das schlimmste Ende geboten, das ich mir nie vorstellen konnte. Bei "The Handmaid's Tale" bleiben viele Dinge offen: was mit manchen Charakteren passiert, wer auf welcher Seite steht und wie es überhaupt so weit gekommen ist. Und manchmal weiß ich nicht, was schlimmer ist: Die empfundene Unsicherheit über das Schicksal der Protagonistin, oder zu wissen, dass es endet.

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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