Wie ich (wieder) lesen lernte

Findest du's schwierig zu lesen, obwohl du's mal geliebt hast? Du bist nicht allein. Diese verrückte, laute Welt mit all ihren schimmernden Lichtern und beunruhigenden Nachrichten macht es uns nicht gerade leicht, genug Ruhe für ein gutes Buch zu finden. Klappen kann's trotzdem. Wir haben eine eigenhändig getestete Schritt-für-Schritt Anleitung für dich, mit der du den Lese-Schweinehund endgültig überwinden wirst.

corona lesen eins klein
Foto: Sincerely Media auf Unsplash

Als Kind war ich eine Leseratte. Als Teenager hörte ich plötzlich auf. Jahre später, als ich versuchte wieder ins Lesen reinzukommen, scheiterte ich kläglich. Es war fast so, als hätte ich die Fähigkeit verloren, mich länger als 15 Sekunden zu konzentrieren (was genau der Dauer eines Insta-Story-Clips entspricht. Zufall? Ich glaube nicht). So oder so, ich konnte beim besten Willen nicht mehr lesen. In den wenigen Momenten, in denen ich mich, halb-entschlossen, mit einem Buch auf die Couch begab, ertappte ich mich selbst dabei, wie ich nach jedem dritten Satz nach dem Handy griff. Es war frustrierend. Was auch immer ich versuchte, nichts half.

Diese kleine Leidensgeschichte ist nicht nur meine. Über die Jahre hab ich jede einzelne Person aus meinem Umfeld eine Version des folgenden Satzes sagen hören: "Ich hab mal richtig gern gelesen, aber dann irgendwie aufgehört. Ich würd' gern wieder anfangen aber es ist unmöglich."

Ist es nicht. Wir waren auch skeptisch. Aber wie sich herausgestellt hat, erfordert es nur eine akribisch geplante, fein kalibrierte Schritt-für-Schritt Vorgehensweise:

Schritt 1: Fang mit einem leichten Buch an

Dies ist nicht der Moment für "Anna Karenina", das Buch, das auf deinem Nachtkastl Staub sammelt und dir Kardashian-ische vorwurfsvolle Blicke zuwirft. Laufanfänger starten ja auch nicht mit einem Marathon, stimmt's? Mir persönlich gefallen unterhaltsame biographische Erzählungen von David Sedaris oder Nora Ephron. Aber you do you. Und vergiss nicht, GUILTY PLEASURES SIND EIN MYTHOS!

Schritt 2: Mach’s dir gemütlich

Würde ich meinem Vergangenheits-Ich diesen Rat geben, dann würde es nur höhnisch lachen (denk Cruella DeVille in der Zeichentrick-Version). "Kerzen? Lichterketten? Eine warme Decke? Gibt's grad eine Nimm-Zwei-Zahl-Eins Aktion für billige Klischees beim Billa?" Aber mein vergangenes Ich lag falsch. Zünde die verdammten Kerzen an und um auf Nummer Sicher zu gehen leg gleich noch ein paar Räucherstäbchen drauf!

Schritt 3: Leg dein Handy weg

Oder sperr's weg. Oder schmeiß es in einen Teich. Was auch immer für dich funktioniert. Versuch's, auch wenn's nur für dreißig Minuten ist. Ich weiß, du denkst du hast diese coole Sache mit deinem Handy am Laufen, aber wenn du ehrlich bist, dann ähnelt das Ganze doch eher einem "96 Hours"-Style Geiselnahme-Szenario. Dein Handy hat dich als Geisel genommen, und der einzige Grund, warum du es nicht siehst, ist eine ordentliche Portion Stockholm Syndrom. Also, leg's weg. Wir glauben an dich.

Schritt 4: Such dir eine*n Buchfreund*in

Das kann ein ganzer (online) Buchklub sein, oder nur eine Person, mit der du gern über Bücher redest. Wenn du erst wieder angefangen hast zu lesen, dann wirst du drüber reden wollen. (Fun Fact: In der Sprachwissenschaft heißt der englische Fachbegriff für dieses unbändige menschliche Bedürfnis nach Austausch Mitteilungsbedürfnis. Es ist wohl eins dieser charmanten deutschen Wörter, die man partout nicht ins Englische übersetzen kann, wie Zeitgeist oder Wanderlust oder Bundesausbildungsförderungsgesetz).  

Schritt 5: Sei geduldig mit dir, und gib nicht auf

 

Gib dir Zeit. Jedes Wort, das du liest, ist mehr als du gelesen hättest, wenn du es gar nicht versucht hättest. Tiefgründig, oder? Ich weiß. Außerdem, wenn's nicht sofort klappt, dann wird die richtige Zeit noch kommen. Zum Glück gibt's Geschichten in allen möglichen Formen, und am Ende des Tages ist es egal, ob wir sie per Film, Lied oder Buch konsumieren. Genau wie in der Liebe ist halt oft das Timing entscheidend. Versuch's einfach weiter, und früher oder später wirst du dich auch wieder ins Lesen verlieben.

Wir drücken dir die Daumen. Und lassen dir dieses Zitat von der einmaligen Nora Ephron da:

Lesen ist Zerstreuung, und das Gegenteil von Zerstreuung; nach einem Tag voller Fassaden-Bauen ist es ein Weg, um eine Verbindung zur Realität herzustellen, und nach einem Tag, der allzu real war, ist es ein Weg, um in der Fantasie von jemand anderem Unterschlupf zu finden.