LITERATUR

Grotesk, grausam und echt

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Sibylle Bergs "Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot", erschienen bei Reclam.
Foto: J. Stockreiter

Was wollen alle Menschen? Wonach sehnen sie sich? Es ist nicht das neueste Modell von etwas, es ist simpler, aber dafür umso schwerer zu halten und zu pflegen – das Glück. Im Debüt-Roman  EIN PAAR LEUTE SUCHEN DAS GLÜCK UND LACHEN SICH TOT von Sibylle Berg, welcher 1997 im Reclam Verlag erschienen ist, nachdem er von 50 anderen Verlagen abgelehnt worden war, geht es genau darum. Menschen suchen das Glück, das für viele mit Liebe gleichgesetzt wird.

Der Roman handelt von acht scheiternden Personen, die in Deutschland leben und ihre Geschichte preisgeben. Berg erzählt ihre Storys in 88 ein- bis vierseitigen Kapiteln, bei denen jeweils eine Figur im Fokus steht. Sie wechselt dabei die Perspektiven und die Zeit: mal beschreibt sie die Ereignisse der Rolle in der Gegenwart, manchmal in der Vergangenheit, mal in Ich-Form, mal in dritter Person.

Die Texte sind sehr ins Bundesdeutsche getunkt, die Sätze sehr abgehackt, es braucht daher Konzentration beim Lesen. Nicht zuletzt auch weil die Menschen, um die es in dem Buch geht, viele Geschichten nebeneinander erleben. Sie kreuzen sich auch hier und da, nach und nach erfährt man ihre Beziehungen zueinander.

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Sibylle Bergs "Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot", erschienen bei Reclam.
Foto: J. Stockreiter

Von Magersucht bis Eisenbahn

Die Charaktere sind jedoch sehr gut beschrieben. Nora, eine magersüchtige Siebzehnjährige, die einfach nur von zu Hause weg möchte, die ihre Essgewohnheiten für einen Mann über Bord wirft und am Ende dann doch stirbt. Tom, der sich nur wünscht, mit einer Frau gemeinsam im Schaufenster die Modelleisenbahn zu betrachten, die zur Weihnachtszeit ausgestellt wird. Er darf sich zwischen zwei Frauen (eine davon ist Nora) entscheiden und auch er lässt am Ende sein Leben. Oder Ruth, die sich im Altersheim in hohen Jahren wieder verliebt. In einen Mann mit Armprothese, der jedoch lieber auf Nutten hereinfällt. Auch sie setzt ihrem Leben ein Ende.

Man merkt, der Titel verrät schon einiges. Am Ende geben fast alle Figuren ihr Leben, was von dem einen überlebenden Charakter mit "Schön blöd, einfach zu sterben" kommentiert wird.

Entscheidungen

In der Geschichte müssen sich die Figuren immer wieder entscheiden. Leider schaffen sie es kontinuierlich, die falsche Entscheidung zu treffen und daraufhin noch unglücklicher zu sein. Das Unglück, das sie sich selber schaffen, ist der rote Faden im Buch. Es ist kein Buch zum Aufheitern, kein Buch, das unter Depressionen zu lesen ist. Es lässt ab und an den Atem stocken, wenn Sibylle Berg Bilder zeichnet wie: "In der Hand hatte sie eine überreife Avocado. Die Masse quoll durch die Finger wie Hirn. Den Kern in die Nase einführen. Hochstoßen, einbetten in weiche Masse." Es ist ein Kopfkino aus dem Genre Horror trifft Melodrama.

Sibylle Berg schuf mit diesem intelligenten Werk einen Einblick in eine kaputte Welt, die von Selbstzerstörung, Beziehungsunfähigkeit und dem Tod geprägt ist. Sie Charaktere sind allerdings so spannend, dass man ihnen wirklich folgen möchte. Dank des Titels weiß man sowieso schon wie es ausgeht. Die Bilder, die Berg erschafft, sind derartig skurril und grotesk. Sie beschreibt sehr nüchtern die Situationen, ohne diese zu bewerten, geschweige denn zu psychologisieren. Wer auf weirde Literatur steht ist bei dem Buch auf jeden Fall goldrichtig.

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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