LITERATUR

Das moderne Leben der Mlle de Beauvoir

Der Existenzialismus ist ja an sich eine komische und sehr unterhaltsame Philosophie. Wer sind wir und was tun wir und für beide Fragen gilt immer das große Warum. Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre waren die großen Vordenker*innen dieser Philosophie und eben über Simone de Beauvoir ist mit "Simone de Beauvoir - Ein modernes Leben" eine neue Biographie erschienen.

beauvoir klein
Erschienen im Piper Verlag

Sie beginnt klassisch: Kindheit, Jugend, der biographische Hintergrund. Spannend wird es ab dem Zeitpunkt, an dem Beauvoir beginnt, Tagebuch zu schreiben. Beauvoir fängt in ihrer Jugend an, sich Fragen über das Leben zu stellen, also das, was eh fast alle in diesem Alter machen. Der große Unterschied zu uns anderen ist, dass Beauvoir niemals aufgehört hat, sich diese Fragen zu stellen – was man ein bisschen neidisch feststellen muss. Mit Anfang zwanzig fangen diese Fragen an, wirklich groß zu werden und auch sie beginnt in diesem Alter ausschweifend damit umzugehen.

Kate Kirkpatrick beschreibt nicht einfach Beauvoirs Leben, sondern sammelt biographische Aspekte, Tagebuchausschnitte und ergänzt diese mit Werkanalysen. Das Buch ist damit keine einfach nacherzählte Lebensgeschichte, sondern hat etwas von einer Autobiographie mit Philosophiestunden. Die Leistung dieser Erzählweise ist, dass sie es schafft, fast komplett stringent zu erzählen. Der vorausgeworfene Schatten der legendären Philosophin ist durch die Zitate aus ihrer Autobiographie quasi permanent um die Ecke zu sehen, die sich entwickelnden Denkweisen und Lebensansichten werden aber nicht von der letztendlichen Erkenntnis im Vorhinein verpöhnt. Im Gegenteil. Kirkpatrick schafft es die geistige Entwicklung nachzuzeichnen, beziehungsweise darzulegen, wie sich Beauvoirs Ansichten verändern.

Entscheidend ist dabei Beauvoirs Änderung in der Wahrnehmung ihrer selbst und was das gesellschaftlich bedeutet. Aus der Erfahrung des Buches heraus könnte man das auf zwei Dinge zurückführen: den Unterschied zwischen Sartre und ihr und ihr Liebesleben. Also im Detail.

Sartres erstes Fangirl

Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre zählen wegen ihrer unkonventionellen, offenen und nicht offiziellen Beziehung als eines der Vorzeigepaare für unkonventionelle Beziehungen. Darf man Kirkpatrick glauben, ist der Anteil von Liebe in dieser Beziehung aber eben nicht durch Körperlichkeit oder Zärtlichkeit geprägt, sondern wirkt im Laufe des Buches eher wie eine eingeschworene Partnerschaft, die auf geistigem und gegenseitigem Verständnis beruht. Zwar hatten die beiden auch jahre – respektive jahrzehntelang Sex miteinander, doch abseits davon erinnert die beschriebene Beziehung eher als eine beste Freundschaft oder als ob die beiden Komplizen für’s Leben gewesen wären. Und Hand auf’s Herz, da kann es auch schon mal phasenweise zu Körperlichkeiten kommen, sofern die Freundschaft das aushält.

Das Spannende an der beschriebenen Beziehung ist aber nicht so sehr, wie die beiden sich miteinander entwickeln oder miteinander umgehen, sondern wie sich die Rezeption der beiden trotz ihrer sehr ähnlichen Entwicklung unterscheidet. Beauvoir und Sartre lernten sich während des Studiums an der Sorbonne kennen und begannen ihre philosophische Karriere quasi zeitgleich. Beauvoir stand allerdings immer in Sartes Schatten, wurde sozusagen als erstes Fangirl seiner Philosophie beschrieben, die die Gedanken selbst ebenfalls weiterspinnte.

Kirkpatrick lässt in der Anfangsphase oder fast den ersten 15 Jahren ihres Schreibens Beauvoir als dieses Beiwagerl stehen und konzentriert sich stark auf das private (Liebes-)Leben und die die Auswirkungen auf Beauvoirs Denken. Klarerweise, schließlich waren es eben die zahlreichen Liebschaften, die die Kombination von Sartre und Beauvoir so skandalös erscheinen ließ. Persönliches Wachstum und Reflexion lassen sich dadurch zwar erkennen, bis zu einem gewissen Grad stellt sich aber eben die Vermutung ein, dass man mit genügend Zeit und Muße vielleicht auch großartige Gedanken hätte. Wer genug Zeit hat, um über seine Beziehungen und die moralischen und sozialen Auswirkungen nachzudenken, könnte ja auch das Glück haben, diese irgendwann ersichtlich zu Papier zu bringen. Wobei auch hier spricht vielleicht wieder ein bisschen Neid auf das beschriebene Leben.

Das andere Geschlecht

Beauvoirs großer Wurf erfolgte aber erst mit "Das andere Geschlecht". Die gut 1000-Seitige Abhandlung über die Rolle der Frau, die Folgen für das geistige, soziale  und sexuelle Leben und damit eben die Zementierung dieser Unterwürfigkeit, die mit unzähligen historischen Verweisen belegt sind, revolutionierte das Gedankenbild und zementierte Beauvoirs Rolle als Feministin. Vorgriffe werden ab diesem Zeitpunkt unvermeidbar, und zwar nicht mehr nur auf Beauvoirs Leben sondern in größerem Maße auch auf die Rezeption von ihr. Ab "Das andere Geschlecht" ändert sich auch, wie Beauvoir gesehen wird. Sie steht zwar immer noch in Sartres Schatten, doch auch auf eine andere Art als zuvor Grande Dame.

Eine Mischung aus Biographie und Philosophiestunde

Nachdem jetzt ohnehin die großen Wendungen in der Biographie, aber auch im Erzählton vorweggenommen wurde, soll der Rest erst mal offen bleiben. Und auch in den persönlichen Bereichen bietet Kirkpatricks Biographie neue Einblicke. Bisher unveröffentlichte Briefe rücken auch Details aus Beauvoirs Autobiographie in ein anderes Licht, die zwischenmenschliche Ebene hat dabei große Anteile und auch einige Werkstellen werden dadurch anders interpretiert. "Simone de Beauvoir – Ein modernes Leben" ist eben eine ungewohnte Mischung aus Philosophiestunde und Biographie, macht dadurch aber auch Lust auf Feminismus. Und zeigt aufgrund vieler Ähnlichkeiten zu heute ehrlich gesagt auch auf, warum wir noch immer hartnäckigen Feminismus benötigen. Auch wenn Beauvoir lange ein gespaltenes Verhältnis zum Begriff Feminismus hatte. Aber wer mehr darüber wissen will, weiß ja jetzt, wo man das nachlesen kann.

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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