LITERATUR

Fante Bukowski: The Great American Graphic Novel

Es passiert nicht ganz so oft, dass ich einen mehrere hundert Seiten starken Comic in einem Rutsch durchlese, aber letztens war es dann wieder so weit: Noah Van Scrivers »Fante Bukowski« zieht einen sofort in den Bann, was aber nicht daran liegt, dass etwa die Protagonisten so liebenswert wären.

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Deutschsprachiges Cover, avant-Verlag

Selbstmitleid und Paranoia

Kelly Perkins ist Anfang zwanzig und arbeitet in der Anwaltskanzlei seines Vaters. Aber damit soll jetzt Schluss sein: Er ist überzeugt von seinem literarischen Genie und will fortan als Schriftsteller seine Brötchen, Ruhm und Ehre verdienen. Sein Vater ist dagegen, aber Kelly lässt sich nicht aufhalten, legt sich den Künstlernamen Fante Bukowksi (eine Mischung aus den Namen der berühmten amerikanischen Schriftsteller John Fante und Charles Bukowski) zu und zieht aus, der nächste große amerikanische Autor zu werden. Leider gibt es dabei einen kleinen Haken: Fante ist ein miserabler Schriftsteller. Dazu ist er großkotzig, cholerisch, überheblich und egoistisch, trinkt zu viel und weigert sich, Verantwortung für irgendetwas in seinem Leben zu übernehmen. Seine Erfolglosigkeit erklärt er sich ausschließlich damit, dass alle um ihn herum sich gegen ihn verschworen haben. Als seine Bemühungen, einen Literaturagenten für sich zu begeistern, scheitern, beschließt Fante, seine Gedichte selbst zu verlegen. Er produziert im Copyshop ein achtseitiges Zine, das unter die Leute zu bringen sich allerdings auch schwierig darstellt. Und so rauscht er von einem durch seine selbstmitleidige Paranoia befeuerten Drama ins nächste. In slice-of-life-artigen kurzen Episoden wird das Leben und Scheitern von Kelly aka Fante aufgefächert. 

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Englischsprachiges Cover, Fantagraphics

Das Lotterleben der Literaten

NOAH VAN SCRIVER  verfolgt die Eskapaden seines uncharmanten Antihelden über mehrere Jahre hinweg. Mögen tut man Fante dabei nie. Dass man trotzdem mit ihm mitfiebert und ihm dennoch den so ersehnten Erfolg wünscht, liegt vor allem an Van Scrivers feinem, beobachtenden Humor, der von sanft ironisch bis beißend sarkastisch geht. Fantes beharrliche Realitätsverweigerung, die affige Überheblichkeit der Literaturagenten oder der abgeklärte Blick von Fantes Bekannter Lady, einer Prostituierten, bei der alles ein und aus geht, was im Verlagswesen einen Namen hat – all das fügt Van Scriver zu einer unterhaltsamen Satire auf den Literaturbetrieb und die Selbstverlegerszene zusammen. Wie selbstbewusst er sich auch über sich selbst lustig machen kann, zeigt er mit einem Cameo-Auftritt als neuer Lover von Fantes Ex-Gspusi Audrey, in dem er sich selbst als publikationsgeilen Schönwetterfreund darstellt. 

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Niemand erkennt Fante Bukowskis literarisches Genie.
Abbildungen: Fantagraphics

Zeichnerisches Schmankerl

Nicht zuletzt wirkt der Comic natürlich auch durch die großartigen Zeichnungen. Mit lockerem Strich wirft Van Scriver seine Figuren aufs Papier und trifft dabei genau den richtigen Punkt zwischen Realismus und Abstraktion. Zwischendurch gibt es detaillierte ganzseitige Umgebungsillustrationen, die die Figuren in ihrer Welt verankern. Die stimmungsvolle, kräftige Koloration tut ein Übriges.

Auf den letzten Seiten der englischen Ausgabe gibt es dann noch zwei besondere Zuckerl: Zum einen ist Fantes Gedicht-Zine aus dem Comic hier zur Begutachtung abgedruckt. Zum anderen sind ein paar Fante-Illustrationen von Comiczeichner-Kollegen von Van Scriver, wie etwa Simon Hanselmann, Jesse Jacobs und Joseph Remnant, versammelt. 

Die ursprünglich bei Fantagraphics in den Jahren 2015 bis 2018 erschienenen drei Fante-Bukowski-Bücher wurden dieses Jahr in einem GESAMTBAND  zusammengefasst, der ziemlich zeitgleich auch auf Deutsch beim AVANT-VERLAG  erschienen ist.

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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