LITERATUR

Der Buddha aus der Vorstadt

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© Faber & Faber

Hanif Kureishis Bildungsroman »The Buddha of Suburbia« (zu Deutsch »Der Buddha aus der Vorstadt«) war im Jahr 1990, als er erstmals erschien, außergewöhnlich. Es war einer der ersten englischen Romane, die auf authentische Art und Weise vom Leben eines Migrantensohnes erzählte. Mit seinem Protagonisten Karim Amir traf Kureishi den Nerv einer Generation.

»My name is Karim Amir and I am an Englishman, born and bred, almost.«

Der Süden Londons in den 1970ern. Karim, der Sohn eines indischen Einwanderers und einer Britin, ist siebzehn Jahre alt und lebt mit seiner Familie in der Vorstadt. Die Schule interessiert Karim nicht besonders, das Familienleben könnte auch besser sein. Die Wohnsituation ist beengend, die Mutter ist unglücklich und gebrochen, der Vater lädt zu okkulten Happenings und gibt dort den buddhistisch inspirierten Guru für die weißen Nachbarn, zu seinem jüngeren Bruder hat Karim so gut wie gar keinen Bezug. Aber das alles ist ihm egal, Karim hat nur ein Ziel: Die Schule durchhalten und dann ab nach London, wo, davon ist er überzeugt, sein Leben endlich anfangen wird. In der Zwischenzeit trägt er nebenberuflich Zeitungen aus, schlägt sich die Nächte beim Musikhören um die Ohren, flirtet mit Burschen und Mädels gleichermaßen und konsumiert en passant regelmäßig diverse Partydrogen. Diese Routine wird abrupt unterbrochen als Karims Vater verkündet, die Mutter zu verlassen und zu seiner Geliebten zu ziehen. Plötzlich steht Karim zwischen zwei Welten.

In einer odysseehaften Schilderung erzählt Kureishis Ich-Erzähler von seinem Erwachsenwerden im England der Siebzigerjahre, von seiner Zerrissenheit nach der Trennung seiner Eltern, seinen ersten Erfahrungen als Schauspieler und davon, wie er schließlich sich selbst findet. Neben Karims Lebensgeschichte geht es dabei auch um den Zeitgeist einer Nation und wie sich dieser wandelt, was besonders in jener Szene greifbar wird, in der Karim und sein Freund Charlie in einem Londoner Pub zum ersten Mal eine Gruppe Punks sehen und gleichermaßen schockiert und fasziniert sind. Das Buch endet kurz vor Beginn der Thatcher-Ära.

Identität, Klasse, Rasse

Schon in den ersten Sätzen des Romans wird die Frage der Identität als zentrales Thema benannt. Dabei geht es aber nicht nur um ethnisch-kulturelle Identität, sondern auch um Klassenidentität. England hat wahrscheinlich das restriktivste Klassenverständnis in Europa und manch einer argumentiert, dass Klasse im englischen Gesellschaftssystem bestimmender ist als ethnische Zugehörigkeit. Eindrücklich gezeigt wird das im Roman auch anhand der Figur der Eva, Karims Stiefmutter, die alles daran setzt, sich in die höheren Sphären der Londoner Society aufzuschwingen.

Karim ist selbstbewusst, frech, rotzig, cool, künstlerisch veranlagt, manchmal faul, unentschlossen, erlebnishungrig. Er sieht gut aus und weiß das auch, interessiert sich gleichermaßen für Frauen und Männer und nimmt Drogen. Damit steht er im krassen Gegensatz dazu, wie Migrantenfiguren bis dahin in der Literatur gerne gezeichnet wurden: als schüchterne, fleißige, brave und harmlose Nebencharaktere. Karim ist nicht harmlos. Ein solcher migrantischer Charakter war damals ein Novum.

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Single des Titelsongs für die BBC-Miniserie mit Naveen Andrews als Karim, Wikimedia

Ein neues Selbstverständnis

In ihrem Vorwort für eine 2015 erschienene Neuauflage beschreibt die Autorin Zadie Smith, was für einen Status der Roman zum Zeitpunkt seines Erscheinens – Smith war damals 15 – in ihrer Schule hatte. Das Buch wurde im Geheimen von Schüler zu Schüler weitergereicht und war heiß begehrt – wegen der relativ expliziten Sexszene auf Seite 203, aber vor allem auch, so Smith, weil Karim und seine Welt ihr und ihren Klassenkameraden so vertraut waren. Kureishi beschrieb jemanden, der war wie sie, und den sie sich niemals zwischen zwei Buchdeckeln erwartet hätten, wo sie sonst nur die kanonisierten Werke klassischer (vornehmlich weißer) Autoren wie Shakespeare, Yeats und Austen fanden. Ähnliches berichtet der Autor Nikesh Shukla (»The Good Immigrant«), und Kureishi selbst sagt über seine Motivation, den Roman zu schreiben: »Ich dachte mir, wenn die Leute keine Bücher über Leute wie mich schrieben, würde ich das eben selbst tun.«  Dass es also starke autobiografische Bezüge gibt, liegt auf der Hand. Der »Buddha« steht für ein neues Selbstverständnis und Selbstvertrauen einer Generation britischer Autoren mit Migrationshintergrund.

Der Buddha liest sich 30 Jahre später wahrscheinlich anders als bei seinem ersten Erscheinen. Die Medienlandschaft und die Öffentlichkeit sind pluralistischer geworden. Migrantengeschichten werden häufiger erzählt, Identitätsfragen werden offener verhandelt, es herrscht ein breiteres Bewusstsein dafür, dass migrantische Identität eine wesentliche Facette einer Nation darstellt. Im Jahr 2020 ist Karim kein revolutionärer Protagonist mehr – was aber bekanntermaßen leider nicht heißt, dass Migranten dieser Tage mit weniger Vorurteilen zu tun haben.

In jedem Fall ist »Der Buddha aus der Vorstadt« ein stimmungsvoller, bissiger und manchmal lustiger Bildungsroman, der großen Spaß macht. Wer nicht lesen will, kann auch die BBC-Serie aus dem Jahre 1993 schauen – mit Titelsong von David Bowie. Cooler wird es nicht.

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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