LITERATUR

Lücken als Anleitung

Als literarischen Beitrag für "ETC. sucht ETC." stellen wir Veronique Homann vor. Ihre Texte beschäftigen sich mit Lücken und versuchen dadurch auf Themen hinzuweisen, die gesellschaftlich übersehen werden.

Veronique Homann schreibt nicht über bestimmte Themen, sondern über Lücken. Also irgendwo gibt es damit schon eine Themensetzung. Allerdings mit weniger geplanten Potenzial, sondern diese Lücken drängen sich ihr selbst auf. Und ist eine Lücke einmal gefunden, wird sie durch einen Text gefüllt.

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© Veronique Homann

Klingt einfach und logisch. Was genau ihre Texte ausmacht, ist dadurch aber schwierig zu erklären. Teilweise Gedichte, teilweise Kurzgeschichten, die wie Gedichte aussehen, manche Texte sind auch mehr grafische Werke, die durch die Verteilung der Buchstaben entstehen. Homann macht damit etwas, das zwischen Lyrik, Literatur und Bildender Kunst steht. Die Themen dafür ergeben sich und entstehen im Prozess, was genau das Werk dann ist, ergibt sich so von selbst. Kernstück dessen sind eben immer Lücken: "Die Lücken muss man erst finden, kann sie aber nicht aussuchen. Die suchen dich aus, indem man der Lücke gewahr wird, da geht es auch um die Wahrnehmung."

Wie so oft in der Kunst geht es aber nicht nur um die eigene Wahrnehmung, um die Lücke zu finden, sondern auch darum, andere darauf hinzuweisen. Die gefundenen Lücken müssen also für andere sichtbar gemacht werden. Für Homann geht es dabei aber nicht nur um das Hinweisen, sondern jede Lücke braucht eine aktive Entscheidung für den Schaffensprozess: "Man muss sich die Frage stellen, wozu man arbeiten will. Ob man zum x-ten Mal eine Situation im Sonnenuntergang durchexerzieren will oder ob ich etwas ganz Eigenes nehmen möchte. Für mich sind nur die Lücken es wert, mich hinzusetzen und daran zu arbeiten."

Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Relevant ist dabei aber eben auch, um was es ihr geht. Die Kurzgeschichte "Die Haltestelle" beispielsweise thematisiert die Sexualität von Obdachlosen, wohl ein tatsächlich wenig beachteter Aspekt. Fängt man aber erst einmal an darüber nachzudenken, stellt sich die Frage, warum niemand daran denkt und diesen Lebensbereicht obdachlosen Menschen aberkannt wird. So gesehen: Funktionierendes Konzept, damit wird eine gedankliche Lücke geschlossen. Wobei der Text sie ja nur aufzeigt. Aber darum geht es ja meist bei Kunst, Themen aufzeigen und damit Menschen zum Nachdenken bringen.

Auch für Homann ist der Denkansatz das Wichtigste: "Eine künstlerische Arbeit sollte sich lohnen, so dass sie es wert ist, geschaffen und gelesen zu werden. Ich publiziere nicht, weil ich der Meinung bin, dass es mich erfüllt, sondern damit es auch einen Nutzen hat. Meine Arbeit soll einen Wert haben, etwas Neues vertreten und damit eben Lücken füllen."

Der Wert von Kunst ist aber eben schwer zu definieren. Homann will mit ihren Sachen aber auch etwas beitragen: "Vielleicht kann man sich Kunst wie eine Mülldeponie vorstellen und eigentlich geht es darum, sich zu fragen: Was braucht der Kulturbereich noch? Deshalb sollte Kunst wahrscheinlich weniger hochstilisiert sein und nicht auf eine gewisse Art als Fashion gesehen werden."

Das Auslassen als Kunst

Spannend ist auch, dass ihr Schreiben und ihr Schaffen aus sich selbst heraus entstehen. Begonnen hat alles mit einem Schreibwettbewerb vor vier Jahren. Der Text wurde zuerst genommen, nach internen Diskussionen aber doch abgelehnt, weil Homann eine Änderung nicht akzeptieren wollte. Ihr zufolge sind alle weiteren Texte im Prinzip aus diesem Gedicht heraus entstanden, einfach weil diese Form von Zensur eine neue Erfahrung für sie war, die auch grundsätzlich selten besprochen wird.

Wobei der Schaffensprozess für Homann auch philosophische Hintergründe hat und sich auf Nietzsche beruft. Sie sieht ihre Inspiration in dem herausrollenden Rad: "Das herausrollende Rad, wie Nietzsche es bei Zarathustra beschreibt, ist für mich eine Inspiration. Konkret geht es dabei um Folgendes: 'Einen höheren Leib sollst du schaffen, eine erste Bewegung, ein aus sich rollendes Rad – einen Schaffenden sollst du schaffen.'" Und wohl darin besteht Homanns Schaffen, in dem Versuch, immer neue Lücken zu schließen.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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