LITERATUR

Heimatroman Reloaded

Hugo ist fast dreißig, sein Großvater ist tot und das macht was mit ihm. So ungefähr wäre die allerkürzeste Zusammenfassung von Sebastian Janatas Debütroman »Die Ambassadorin« . Aber das ist natürlich lange nicht alles.

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»Die Ambassadorin«, erschienen im Rowohlt Verlag

Wer war Onkel Beppo?

Die etwas weniger kurze Zusammenfassung: Hugo Navratil kehrt nach zehnjähriger Abwesenheit in sein Heimatdorf im Burgenland zurück. Sein Großvater ist gestorben. Es ist nicht sein leiblicher Großvater, sondern der ehemalige Nachbar der Familie, der für Hugo und seine Schwester diese Funktion einnahm und den die beiden liebevoll Onkel Beppo nannten. Hugo reist also zur Beerdigung und plant, am nächsten Tag zurück nach Hause nach Berlin zu fliegen. Als seine Mutter jedoch plötzlich ins Spital muss, verzögert sich seine Abreise. Zusätzlich tauchen unbekannte vermeintliche Verwandte von Beppo auf, die es auf Hugo abgesehen zu haben scheinen. Hugo beschließt, über Beppos Leben nachzuforschen, von dem er, wie er bemerkt, kaum etwas wusste. Bald findet er sich inmitten einem Gewirr aus alkoholschwangeren Dorffesten, Rangeleien mit Jugendfeinden, mildem Vandalismus, exaltierten Pfarrern, eloquenten Buschenschankinhaberinnen und jeder Menge offener Fragen wieder. 

Viel mehr kann und darf man dann plotmäßig aber auch nicht mehr verraten, sonst ist der ganze Spaß dahin.

Magischer Realismus für Unentschlossene

Die Handlung entspinnt sich auf mehreren Zeitebenen, nämlich in der Gegenwart sowie in diversen Einschüben aus vornehmlich Beppos Vergangenheit. Hugo ist während seines Aufenthaltes im Burgenland völlig aus seinem Leben in Berlin gelöst, und so löst sich bald auch die Zeit an sich auf, während er tagelang durch Wälder und Dorfgassen wandert. Hugo taumelt durch die Landschaft seiner Jugend, wobei die Erzählung mit ihren aberwitzigen Geschehnissen mitunter so fantastisch ist, dass man, genau wie Hugo, manchmal nicht sicher ist, ob dieser nun wach ist oder träumt. Die Vergangenheit schiebt sich als Traumwelt in die Gegenwart und lädt diese magisch auf.

Besonders schön ist auch der Exkurs in eine erfundene burgenländische Sagenwelt des achtzehnten Jahrhunderts, in der Janata beweist, wie gut er die Erzählmodi wechseln kann.

Feministischer Heimatroman

Der Nationalismus, das Patriachat und die toxische Männlichkeit bekommen alle ihr Fett ab – leider manchmal auf etwas zu plumpe Art und Weise. Insgesamt wirkt der Roman an manchen Stellen etwas angestrengt und konstruiert. In der zweiten Hälfte läuft er aber flüssiger. Und ein paar coole Twists gibt es dann doch. Diese deutet Janata ganz leise schon am Anfang des Romans an, vor lauter Hin und Her, sowohl metaphorisch in Hugos zwischenmenschlichen Begegnungen als auch wortwörtlich zwischen Leithagebirge und Flughafen Schwechat, vergisst man dann aber fast darauf, bis zum Ende hin der Faden wieder aufgegriffen wird. Die große feministische Vision, die der Ankündigungstext vermuten lässt, fehlt allerdings. Das heißt jedoch nicht, dass es keine Denkanstöße gäbe.

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Sebastian Janata, Foto: Corinna Radakovits

Autobiografische Bezüge gibt es auch nicht wenige: Janata stammt selbst aus dem Burgenland und lebt nun in Berlin (als Schlagzeuger der Band Ja, Panik), sein Großvater war wie Onkel Beppo Jäger, er ist in etwa im selben Alter wie sein Protagonist. Abgesehen davon lässt Janata bei der Beschreibung der sogenannten Dorfidylle kaum ein Klischee aus, wobei er diese mit Freude am Derben immer wieder bricht, mitunter auch mit anderen Klischees.

Als Leserin, die einen österreichischen »Heimatroman« (denn so steht es im Klappentext) erwartet, ist man von teilweise sehr bundesdeutsch anmutenden Formulierungen überrascht. Die Bezeichnung ist aber in jedem Fall passend: Der Protagonist ist insgesamt ca. 80% der Zeit besoffen und vergisst auch mal die eine oder andere relevante Info aufgrund eines Filmrisses. Also insgesamt doch sehr österreichisch.

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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