LITERATUR

Sharing Economy Unhinged

Crowdfunding ist eine super Sache. Was eine:r alleine nicht schafft, schaffen bekanntlich viele, und so ist es möglich, als Gruppe Diverses zu finanzieren. Zum Beispiel Videospiele, Filmproduktionen, Bücher oder Sozialprojekte. Oder halt Attentate auf Leute, die man nicht mag.

Welcome to the Future

So funktioniert es auf jeden Fall in der Welt von »Crowded«, dem Eisner-Award-nominierten Comic von Christopher Seleba und Ro Stein. In der sehr nahen Zukunft läuft das gesamte tägliche Leben über Apps: Von A nach B kommt man mit Muver, man verleiht Kleidung bei Kloset, Kinder und Hunde kann man auf Citysitter oder Dogstroll beaufsichtigen lassen, auf Palrent mieten die Einsamen jemanden zu Plaudern, bezahlt wird mit Fisco und auf Reapr werden per Crowdfunding Attentate finanziert. Alltägliche Dinge eben. 

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Charlie Ellison aus L.A. hat die Gig Economy gemeistert. An einem ruhigen Tag macht sie zwölf kleine Jobs und verdingt sich, indem sie etwa ihre Wohnung vermietet, ihr Auto verleiht und remote Nachhilfe gibt. Charlies beschauliches Leben findet ein jähes Ende, als plötzlich fremde Leute beginnen zu versuchen, sie auf offener Straße zu ermorden. Zum Glück gibt es aber auch für dieses Problem eine App: Über Dfend heuert Charlie die Bodyguard Vita Slatter an. Es stellt sich heraus, dass über Reapr eine legendär große Summe Geld auf Charlies Kopf ausgesetzt wurde. Bald ist ganz L.A. hinter ihnen her, denn das viele Geld macht das Gewissen der Leute elastisch. Für Charlie und Vita gilt es nun, die 30 Tage von Charlies Attentat-Crowdfunding-Kampagne zu überleben.

Süße Dystopie

Auf den ersten Blick wirkt die Prämisse von »Crowded« völlig überzogen. Immerhin, willkürliche app-gestützte Selbstjusitz – das lässt sich doch nicht mit demokratischen Grundwerten oder den Menschenrechten vereinbaren. Tatsächlich findet Autor Seleba aber glaubwürdige Erklärungen und argumentiert überzeugend, wie sich die Brutalität und Willkürlichkeit einer Auftragsmord-App mit der Justiz vereinbaren lässt. Dabei spielen ein crowdgefundeder Regierungsputsch, die Anfänge der App im Dark Web und eine Menge Papierkram, mit dem sich die Reapr-Hobbykiller und die Dfend-Bodyguards herumschlagen müssen, eine tragende Rolle. Auf jeden logischen Einwand im Sinne von »Ja, aber ...« hat Sebela eine durchdachte und schlüssige Erklärung. Natürlich muss man sich ein bisschen darauf einlassen. Aber das musste man auch bei »Minority Report«, und dann gab es da unlängst einen österreichischen Innenminister, der Menschen vorsorglich in »Sicherungshaft« stecken wollte. Und in Zeiten, in denen der Präsident der USA ankündigt, er werde bei einer Wahlniederlage nicht friedlich den Platz räumen, scheint im Land of the Free sowieso alles möglich. Gut gemachte Dystopien (und so eine ist »Crowded«) zeichnen sich ja auch dadurch aus, dass sie möglich scheinen. Auch, wenn man natürlich hofft, dass etwas wie Reapr nie Realität wird – unterhaltsam ist die Geschichte von Vita und Charlie allemal.

Gesellschaftskritik in Zuckerlfarben

In dieser aberwitzigen Übersteigerung der herrschenden Gesinnungszustände zwischen Gig Economy, Digitalisierung und Influencertum hält der konsumeristischen Gesellschaft der Gegenwart den Spiegel vor. Ein besonders krasses Beispiel hierfür ist etwa der Charakter des Streamers/Influencers Trotter, der seinen Lebensunterhalt damit verdient, Reapr-Ziele, auf die hohe Summen ausgesetzt sind, auf spektakuläre Weise zu töten und diese Aktionen auf einer bekannten Videoplattform mit seinen Followern zu teilen. Das ist höchst makaber. Dass die Charaktere trotzdem sympathisch und nachvollziehbar sind, ist Sebelas schreiberischen Fähigkeiten zu verdanken. Dabei fällt nicht nur positiv auf, dass es viele spannende, vielseitige Frauencharaktere gibt, die die Handlung tragen, sondern auch, wie nebensächlich ein Statement zu LGBTQ-Themen abgegeben wird, indem Sebela »Crowded« in einer Welt spielen lässt, in der Bi- und Homosexualität Selbstverständlichkeiten sind.  

Abgesehen von der originellen und mitreißenden Story überzeugt »Crowded« auch durch den großartigen Zeichenstil des Duos Ro Stein und Ted Brandt, die zusammen mit der Coloristin Triona Fabel Sebelas Figuren Leben einhauchen. Eindeutig von japanischen Mangas geprägt, reißen einen die ausdrucksstarken quietschbunten Bilder sofort mit. Da stört es auch nicht, dass Vita zwischen Kapitel 6 und Kapitel 7 aus dem Nichts plötzlich total aufgepumpte Bodybuilder-Oberarme entwickelt – eine Art zeichnerischer Regiefehler, den man bei diesen Skills aber gerne verzeiht.

Kurz gesagt, »Crowded« ist alles, was man sich von einem Comic wünscht: intelligent, witzig, originell, subtil politisch, gut getextet und vor allem auch wunderschön gezeichnet.

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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