LITERATUR

Der bodenlose Brunnen der Weiblichkeit*

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Mieko Kawakami, "Brüste und Eier"

Mieko Kawakami klopft in ihrem großartigen Roman »Brüste und Eier« ihre drei Protagonistinnen darauf ab, was es heißt, als Frau im Japan der Gegenwart zu leben. Als feministisches Idol der jüngeren Generation japanischer Schriftstellerinnen hält sie ein Plädoyer für weibliche Selbstbestimmung.

Eine Sommergeschichte

Natsuko Natsume ist dreißig Jahre alt und bestreitet ihren Lebensunterhalt mehr schlecht als recht mit diversen Gelegenheitsjobs. Sie träumt von einer Karriere als Schriftstellerin, aber trotz aller Bemühungen will diese nicht so richtig anlaufen. Eines Tages im August kommen ihre neun Jahre ältere Schwester Makiko und deren zwölfjährige Tochter Midoriko sie in Tokyo besuchen. Der Grund: Makiko will sich in einer Klinik in der Stadt die Brüste vergrößern lassen.

Midoriko hat einstweilen ihre eigenen Probleme. Mit dem Einsetzen der Pubertät scheint ihr ganzes Leben und Sein infrage gestellt, sie fühlt sich fremd im eigenen Körper. Überall geht es darum, dass sie mit dem Einsetzen der Periode geschlechtsreif werde und Kinder bekommen könne. Midoriko hat da Vorbehalte. »Warum bringt man einen neuen Körper zur Welt, wenn einem der eigene schon so zu schaffen macht?«, fragt sie sich.

Für Natsuko wird die Frage des Kinderkriegens im zweiten Teil des Buches zentral. Dieser ist mehr als doppelt so lange wie der erste und setzt acht Jahre später ein. Natsuko hat es geschafft und ist als Autorin erfolgreich. Sie ist überglücklich – aber irgendetwas fehlt ihr. Sie wünscht sich ein Kind. Nur, wie soll sie das anstellen, als alleinstehende Frau, die kein Interesse an einer Partnerschaft oder auch nur Sex hat? Bald findet sie sich in der Welt der künstlichen Befruchtung wieder, die zu betreten praktische, ethische und moralische Fragen aufwirft.

Frau sein oder nicht sein

So umkreist Kawakami in den beiden Teilen ihres Buches auf unterschiedliche Art und Weise die Frage, was ein Frauenleben ausmacht. Im ersten Teil verfolgt Protagonistin Natsuko als stille Beobachterin, wie ihre Schwester und ihre Nichte Krisen überwinden: die Pubertät, der Wechsel ins »mittlere Alter«, der Mutter-Tochter-Konflikt. Im zweiten Teil steht Natsukos eigene Krise im Zentrum, die Zerrissenheit, zwischen dem, was von ihr erwartet wird, und dem, was sie selbst will. Denn die konservative japanische Gesellschaft hat wenig Verständnis für alleinerziehende Mütter oder überhaupt Frauen, die aus dem Rahmen fallen.

Körperlichkeit ist ein Hauptthema in »Brüste und Eier«. Kawakami untersucht den weiblichen Körper dahingehend, wie er von außen betrachtet wird, was er kann, soll und darf, und was das für diejenige, die ihn bewohnt, bedeutet. Dazu sagt sie in einem Interview beim Edinburgh International Book Festival 2020: »Der Körper ist der uns am besten vertraute Teil unseres Lebens, zugleich aber gewissermaßen auch der uns am wenigsten bekannte. Er ist das vertraute Fremde.« Über den Körper schreiben, so Kawakami, heißt, über die Gesellschaft zu schreiben, über Leben und Tod, über Dinge, die weit größer sind. Die gesellschaftlichen Fragen, die Kawakami so anreißt, beziehen sich in erster Linie auf Japan, sind aber grundsätzlich universell.

Mehr Kawakami

Als erklärte Feministin ist es Kawakami ein Anliegen, insbesondere weibliche Lebensrealitäten in der japanischen Gesellschaft authentisch darzustellen. Im Zentrum ihrer Geschichten stehen Frauenfiguren, die keineswegs dem Klischee der sanften Japanerin entsprechen, das in Europa vorherrscht. »Ich will nichts schreiben, was orientalistische Klischees weiterführt«, sagt Kawakami. Das kann man nicht behaupten, siehe die Liste der oben angeführten Themen, und der Erfolg gibt ihr recht. Kawakamis Werke wurden in 19 Sprachen übersetzt, insbesondere über »Brüste und Eier« wurde letztes Jahr im europäischen Feuilleton viel geredet. Auch Haruki Murakami ist ein Fan (womit plakativ auf dem Buchcover geworben wird), was Kawakami aber nicht davon abhält, den japanischen Großmeister der Weltliteratur infrage zu stellen.

Mit 500 Seiten ist »Brüste und Eier« doch ein bisschen ein Brocken, der sich aber schnell und flüssig liest, Wer sich von dem reißerischen Namen der deutschen Übersetzung nicht abschrecken lässt, wird mit einem grandiosen Leseerlebnis belohnt.

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*Der Titel dieses Beitrags ist aus einer auf der Webseite des GRANTA Magazins veröffentlichten Kurzgeschichte von Mieko Kawakami geklaut.

Wien. Mehr Kultur.
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