LITERATUR

Foxtrott, Jazz und Mimosa: Erwartet uns post-Covid19 ein Aufleben der Goldenen Zwanziger?

Noch müde vom dritten Lockdown, unser Blick obsessiv auf die kapriziöse Corona-Kurve gerichtet, fällt es uns schwer uns eine Zeit nach Corona überhaupt vorzustellen. Zukunftsforscher*innen und Epidemiolog*innen sagen jedoch, dass die Jahre nach Corona durchaus spannend werden könnten, vielleicht sogar ähnlich exzessiv wie die amerikanischen 1920er.

1920ies klein

Ab 2024 sind wir hoffentlich alle längst geimpft und haben die schlimmsten sozialen und ökonomischen Konsequenzen der Pandemie hinter uns gelassen, sagt Yale Professor und Soziologe Nicholas Christakis gegenüber dem britischen "The Guardian". Was dann folgt sind seiner Meinung nach "bis auf den letzten Platz besetzte Stadien, überfüllte Nachtklubs und eine florierende Kunstszene". "Die Menschen werden verrückt nach sozialer Interaktion sein", meint Christakis weiter, und die wiederrum könnte "sexuelle Zügellosigkeit" und freigiebiges Geldausgeben beinhalten – vielleicht ganz ähnlich wie in Baz Luhrmanns "Der große Gatsby". Aber waren die 20er Jahre wirklich so orgiastisch?

Eine Zeit der Umbrüche

Die berüchtigten Roaring Twenties folgten auf eine politisch, ökonomisch und sozial turbulente Zeit. 1918 endet der erste Weltkrieg, gleichzeitig beginnt mit der Spanischen Grippe eine weltweite Influenza-Pandemie, die in den darauffolgenden zwei Jahren weltweit zwischen 20 und 50 Millionen Todesopfer fordert. Ab 1924 geht es dann aber endlich aufwärts: es gibt einen wirtschaftlichen Boom, vor allem dank der Elektrifizierung Nordamerikas und der perfekten Symbiose von Massenproduktion, Massenmarketing und Massenkonsum in einem weitgehend unregulierten Kapitalismus.

Natürlich war nicht alles rosig: 1929 folgt die Große (wirtschaftliche) Depression, und auch während der 20er kann sich nur ein kleiner Prozentsatz die ausschweifenden Feste, teuren Chryslers und exklusive Flapper-Mode leisten. Im amerikanischen Süden schließen sich Millionen dem rassistischen Ku Klux Klan an, und im gesamten Land entwickeln und vertiefen sich die Wurzeln der antikommunistische Ressentiments, die noch im heutigen US-Wahlkampf zum Zweck der Panikmache revitalisiert werden.

Das schillernde Jazz Age war also vor allem eines: facettenreich, konfliktreich, exzessiv. Und einige der talentiertesten Autor*innen des vergangenen Jahrhunderts waren selbst mitten drin im Geschehen, auf den vibrierenden Tanzflächen, in den verrauchten Hinterzimmern der Speakeasys und in den Straßen New Yorks, eine Tatsache, der wir heute zahlreiche literarische Studien der Goldenen Zwanziger verdanken.

F. Scott Fitzgerald

Kein Name ist so eng mit dem Jazz Age assoziiert wie F. Scott Fitzgerald. Sein 1925er Roman "Der große Gatsby" ist nicht nur ein Klassiker der amerikanischen Literatur, sondern auch ein Zeugnis des komplexen Zeitgeists der 1920er: Klassenunterschiede, Materialismus, der amerikanische Traum, idealisierte Liebe, und all das vor der Kulisse überbordender Feiern in atemberaubenden Art-Deko Villen.

Langston Hughes

Langston Hughes war einer der wegweisendsten Vertreter der Harlem Renaissance, die eine Blütezeit der afroamerikanischen Kunst einläutete. Schon in seiner Jugend verfasste er Gedichte, und sein erster Lyrikband "The Weary Blues" wurde 1926 publiziert. Hughes war einer der Erfinder der Jazz Poetry, einer innovativen Gedichtform inspiriert vom Rhythmus und der Welt des Jazz, des Soundtracks der Roaring Twenties. Meisterhaft und ehrlich beleuchtete er auch die Lebensrealitäten schwarzer Amerikaner*innen, inklusive ihrer Erfahrungen mit den zahlreichen Spielvarianten des amerikanischen Rassismus, von der offenen Diskriminierung thematisiert in dem Gedicht "I, too", hin zum Alltag einer afroamerikanischen Familie in der Kleinstadt, in seinem preisgekrönten Roman "Not Without Laughter".

Dorothy Parker

Dorothy Parker ist bis heute eine von New Yorks außergewöhnlichsten Schriftsteller*innen und Satiriker*innen. Der New Yorker Herausgeber William Shawn sagte einst, "Parkers persönlicher und literarischer Stil waren nicht nur höchst charakteristisch für die Zwanziger, sondern hatten auch einen Einfluss auf den Charakter der Zwanziger […]". Parker schrieb beißende Theaterkritiken, köstliche Verse und, vor allem, intelligente und gesellschaftskritische Kurzgeschichten – über missglückte Annäherungsversuche zwischen Frauen und Männern, gefangen in paradoxen und dennoch restriktiven Geschlechterrollen, über Rassismus, oder über Einsamkeit. Wenige Autor*innen karikieren so amüsant und scharf die Stereo-Typen ihrer Zeit. Einige ihrer besten Kurzgeschichten findet man in der Sammlung "New Yorker Geschichten", für Dorothy Parker Fans lohnt sich auch "The Portable Dorothy Parker".

Na, Lust bekommen in die Goldenen Zwanziger einzutauchen? Dass die Post-Corona-Ära tatsächlich so ausgelassen wird wie das Jazz Age mag uns heute unvorstellbar erscheinen. Aber neugierig sind wir schon. Und wie schon Dorothy Parker sagte: "Die Heilung für Langeweile ist Neugier. Es gibt kein Heilmittel für Neugier."

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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