LITERATUR

Familie aus der Dose

Reese ist Mitte 30 und notorische Geliebte verheirateter Männer. Dabei wünscht sie sich nur eines: Mutter sein. Vor Jahren wäre es einmal fast soweit gewesen, da war sie in einer Partnerschaft und kurz davor, zu adoptieren. Aber es kam alles anders. So weit, so klischeehaft. Torrey Peters' Debütroman »Detransition, Baby« ist trotzdem völlig anders als die »Frauenromane«, die man so kennt.

detransition klein
Foto: J. Herrele

Denn: Reese und ihre Ex-Partnerin Amy sind bzw. waren Transfrauen. Als Amy beschließt, zu detransitionieren, also ihr weibliches Äußeres abzulegen und wieder als Mann zu leben, zerbricht die Beziehung der beiden. Drei Jahre nach der Trennung erhält Reese plötzlich einen Anruf von Amy, jetzt Ames, der sie fragt, ob sie gemeinsam ein Kind großziehen will: In der Annahme, er wäre durch die jahrelange Einnahme von Antiandrogenen und weiblichen Sexualhormonen unfruchtbar geworden, hat er eine Affäre mit seiner Chefin Katrina angefangen – und jetzt ist Katrina schwanger. Die Aussicht, Vater zu werden und somit eine archetypisch männliche Rolle einzunehmen, bringt Ames an den Rand einer Identitätskrise. Denn auch, wenn er nicht mehr als Frau lebt, sieht er sich noch lange nicht als Mann. So tritt er die Flucht nach vorne an, indem er der zuvor ahnungslosen Katrina seine Vergangenheit als Frau gesteht und vorschlägt, das Kind in einer queeren Familie zu dritt aufzuziehen, zusammen mit Reese.

Drama, Baby!

Der Titel »Detransition, Baby« stellt sich also als Kürzestzusammenfassung des Inhalts heraus: Erst Ames' Detransitionierung, dann Katrinas Schwangerschaft. Aber natürlich passiert dazwischen viel mehr, was im Buch mit Gusto auf zwei Zeitebenen aufgerollt wird: In der Vergangenheit, wenn die Geschichte von Amys und Reeses Beziehung, vom ersten Kennenlernen bis zur Trennung, erzählt wird, und in der Gegenwart, die mit der Entdeckung von Katrinas Schwangerschaft einsetzt. Der Roman ist dabei bewusst angelegt wie eine Seifenoper, mit viel Drama und Herzschmerz. Dabei findet man natürlich auch die für Soaps üblichen aberwitzigen Zufälle und Begegnungen, die in Wirklichkeit ein bisschen zu konstruiert sind um Sinn zu machen, die man aber, der inhaltlichen Kongruenz und der Story zuliebe, allzu gerne hinnimmt.

Torrey Peters sagt, sie schreibt für ein Transpublikum, für Leute, die mit der Welt der Transpersonen vertraut sind, denn »das macht mich zu einer besseren Schriftstellerin. Wenn ich für ein cis Publikum schreibe, kann ich ihm Dinge erzählen, die es noch nie gehört hat und die es beeindrucken. Wenn ich hingegen versuche, mit einer Transfrau über Hormone zu sprechen, fängt die an zu gähnen.« Heutzutage hätten alle Google, da müsse man nicht alles erklären. Sie hat zu hundert Prozent Recht. Und die große Stärke der Literatur ist ja, uns mit Situationen und Leben bekannt zu machen, die uns im Alltag nicht zugänglich sind.

Ü30, Single, verzweifelt, sucht?

Peters kolloquialer, teils humorvoll-bissiger, teils pathetischer Stil zieht einen unwiderstehlich in seinen Bann. Es ist eines dieser sprichwörtlichen Bücher, die man einfach nicht weglegen kann; ich war nach vier Tagen mit den 340 Seiten durch. Die vielen, meistens eher platten popkulturellen Referenzen wirken zwar bemüht, tun dem Charme des Romans aber keinen Abbruch. Etwas aufgesetzt wirken auch die extrem reflektierten Selbstbeobachtungen der Figuren, wenn diese im Dialog sehr bewusst und fundiert ihre eigene Psychologie durcharbeiten. Hier hat man unweigerlich das Gefühl, dass gerade heftig mit dem Zaunpfahl gewinkt wird, um die Leserin auf eine psychologische Krux aufmerksam zu machen, die sicherlich auch organischer vermittelt werden hätte können. Trotzdem ist es herzerwärmend zu lesen, wie liebevoll die Charaktere miteinander umgehen, einander ihre Gefühle erklären und auf unkonventionell-romantische Art vom perfekten Familienleben fernab der klassischen Kernfamilie träumen.

Vor allem zeigt Torrey Peters in ihrem Debütroman eindrücklich und liebevoll, was wir schon länger ahnten, nämlich, dass im Grunde alle Menschen, cis oder trans, dasselbe wollen: lieben und geliebt werden.

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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