LITERATUR

Zeitreise zur RAF

Stefan Aust, der Ausnahmejournalist. So nennt ein Verlag also eine Autobiographie. Liest man sie aber, merkt man absolut nichts von einer Person, die sich selbst als große Ausnahme bezeichnet. Stattdessen erzählt Aust auf eine sehr normale Art von einem Leben, das doch eine ziemliche Ausnahme ist.

Aust beginnt ganz von vorne und rollt auf rund 600 Seiten sein gesamtes Leben auf. Spätestens nach den ersten zehn Jahren, die er mit Journalismus verbracht hat, merken geneigte Leser*innen: Das ist nicht einfach Journalismus. Aust hat es geschafft, ein Berichtender zu sein und trotzdem bei den meisten Ereignissen mitten drinnen statt nur dabei zu sein. Trotz allem bleibt er aber auf Distanz, erzählt aber auch von dieser Schwierigkeit. Und das Spannendste daran: er war de facto bei allen großen Ereignissen, die in den letzten sechzig Jahren in Deutschland passiert sind, an der vordersten Front. Wobei Front sehr viel kämpferischer als Journalismus klingt. In vielen Fällen aber doch wirklich stimmt.

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Stefan Aust, Zeitreise, erschienen im PIPER Verlag

Aust beginnt in der Schule mit Print und probt damit auch schon den Aufstand gegen die Obrigkeit. Als die Schule die Zeitung nicht mehr möchte, werden andere Wege gefunden und das Produkt wird und bleibt erstmal ein Erfolg. Eine Ansage, die im Laufe des Buches noch über mehr seiner journalistischen Kinder getroffen werden kann. Was bei Aust geschrieben beginnt, wird sehr bald zu einer Sammlung von bewegten Bildern. Und Bewegung gibt es mehr als genug. Wer später geboren ist, wird bei der Lektüre nämlich nicht nur viel über Aust lernen, sondern auch noch, was in den 60ern und 70ern so alles in Deutschland passiert ist.

Über seine Rolle als Journalist ist Aust nämlich sehr nahe an der RAF gewesen, in einigen Situationen ist die Grenze zwischen Beteiligtem und Beobachter nur mehr sehr dünn. Trotzdem hat er es geschafft, eher daneben zu stehen und nur von ganz vorne zu berichten – alleine die Nähe macht viele Anekdoten aber unglaublich. Überfälle, Entführungen, Morde, Aust hat alles aus großer Nähe mitbekommen und wenn nicht, exzessive Recherchearbeit hineingesteckt, sodass es sich beim Lesen danach anfühlt. Die Recherchen gehen aber über die einzelnen Nachberichte hinaus, teilweise waren nur einzelne Flugverschiebungen schuld, warum er nicht live dabei war. Kein Wunder also, bei der Menge an Information und Einblicke, dass Aust eines der Standardwerke über die RAF geschrieben hatte.

Was über zwanzig Jahre seine Berichterstattung dominiert, ändert sich in den 80ern aber. Vom Journalisten, der seine Inhalte unbedingt umsetzen und verkaufen möchte, geht Aust mit der Gründung von Spiegel TV in eine größere Chefrolle. Doch auch als Chef sind die 80er noch dominiert von den praktischen Arbeiten, von Dreharbeiten, Geschichten und der Berichterstattung. Mit dem Zerfall der DDR wird die Rolle der Politik noch größer, Verwicklungen in Spionageskandale werden häufiger und die Schnittstelle zur Macht rückt mehr in den Fokus.

Eine leichte Richtungsänderung gibt es aber erst, als Aust seinen wohl bekanntesten Posten antritt und Chefredakteur des Spiegel wird. Ab da geht es nicht mehr so viel um Politik und die Berichte darüber, sondern auch um die Rolle des Spiegel an sich. Den Konflikt, als Medienmacher politisch eingeordnet zu werden und bestimmte Erwartungen zu erfüllen oder besser noch, sich von diesem Verdacht freizuspielen, hatte er als höchste redaktionelle Instanz von Spiegel TV auch schon, allerdings konnte er sich da leichter herausdiskutieren. Als Chefredakteur des ganzen Hauses ging das nicht mehr so einfach, da stand nur noch der Herausgeber Rudolf Augstein darüber, der für Aust ein Lehrmeister der Unparteilichkeit war.

Der Wechsel bringt deshalb auch ein bisschen weniger direkte Beteiligung und mehr quasi moderierte Geschichte. Aust steht nicht mehr mit der Kamera daneben, sondern muss vom Büro aus steuern. Statt Spione sucht er jetzt nach Wegen, die Auflage zu steigern. Doch selbst das kann Aust interessant erzählen, ordnet ein und bringt Abwechslung in die Geschichten. Die Zeit der großen Aufregung ist langsam vorbei. Während Europa sich allmählich beruhigt, wird die deutsche Einheit zur Realität. Aust greift während seiner Zeit als Chefredakteur immer wieder vor, erwähnt schon früh seine Erinnerungen an Angela Merkel. Mit den politischen Richtungswechseln Anfang der 2000er ändert sich aber auch Austs Position. Nach Augsteins Tod 2002 beginnt eine Zeit des Umschwungs, der Fokus schwindet auf das interne Geschehen beim Spiegel.

Gleichzeitig wird Aust ab dieser Zeit ein bisschen introspektiver, die Einblicke in sein persönliches Leben werden gegen Ende des Buches immer mehr. Und mit dem Ende der Zeit beim Spiegel beginnen neue Projekte, die auch in der Nacherzählung an die Anfänge beim Fernsehen erinnern. Alles wird wieder ein bisschen aufregender, die Vermischung von Medien wird wichtiger und niemand kann mehr einspurig fahren. Dennoch kommt das Ende eher unvermittelt. Unvermittelt ist es deshalb, da Aust seine persönlichen Ansichten zur politischen Veränderung durch die Krise äußert. Was sich bis dahin durchgezogen hat, war aber die Aufregung, das direkte involviert sein in das Geschehen und der Einblick in die deutsche Geschichte. Wer daran interessiert ist, sollte sich Zeitreise definitiv zu Gemüte führen.

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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