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Warum es nicht erbärmlich ist, allein ins Kino zu gehen

Es nervt, dass manche Dinge bemitleidenswert klingen, obwohl sie es nicht sind. Alleine ins Theater zu gehen zum Beispiel, oder ins Kino. Aber warum ist vielen Menschen das Alleinsein so suspekt? Und wieso lieben es andere, sonntags unbegleitet durchs Museum zu schlendern? Kann man das üben? Unsere Autorin sagt ja. Hier ist ihr ehrlicher Versuch über das gelungene Alleinsein.

alleinimkino karen zhao unsplash kleinAllein im Kino. Na und? Foto: Karen Zhao auf unsplash

Ich lese gerade viel über Introvertiertheit. Mir gefällt diese zunehmende Entpathologisierung einer völlig natürlichen Verhaltensfacette: manche Menschen verspüren halt keinen permanenten Drang nach Gesellschaft, und das ist okay.

Aber, mir ist da was aufgefallen: die Artikel, die die hohe Kunst der Me-Time abfeiern, schwärmen überdurchschnittlich oft von solitären Netflix-Marathons, wohligen Schaumbädern mit Buch, und anderen Innenraum-orientierten Aktivitäten. Dabei gelüstet es uns Introvertierte durchaus auch einmal danach, unsere eigenen vier Wände zu verlassen! Wir sind nämlich gar keine passionierten Misanthropinnen oder sozialängstlichen Einsamkeitsfetischistinnen. Wir machen einfach ab und zu gern Sachen allein. Ins Kino gehen, zum Beispiel, oder ins Kabarett, oder einfach in die nächste Bar. Krass, oder?

Das Problem ist, manche Mitmenschen finden das suspekt. Wer sagt, dass sie gern allein auf Urlaub fährt, der lügt. Die versucht ganz schamlos die beschämende Wahrheit zu verbergen, und zwar, dass sie die Option auf Zweisamkeit oder Mehrsamkeit gar nicht hat. Womöglich hat diejenige gar keine FreundInnen? Oder vielleicht erfinden die, die sie hat, Jahr um Jahr wahnwitzige Ausreden, um der Gefahr zur Urlaubsbegleiterin zu werden zu entkommen? Vielleicht haben sich schon sieben Großtanten ihrer vermeintlich besten Freundin kurzfristig den Oberhalsschenkelknochen gebrochen?

Allein-Sein und Allein-Machen sind suspekt, weil Freunde Status bedeuten, nicht nur virtuell, sondern auch im Real Life. Wenn man vom samstäglichen Museumsbesuch erzählt, kontern Gesprächspartner immer mit dem obligatorischen „mit wem?“, und die eigene Antwort darauf ("allein!") hat einen Hauch von Dreifach-Mord-Geständnis. "Cool, cool. Echt cool", antwortet dann das Gegenüber, und gibt einem damit den Gnadenschuss. (Die Frequenz der "cools" korreliert bekanntlich negativ mit dem Grad der tatsächlichen Coolness-Einschätzung).

Aber warum ist das so? Warum fühlt es sich so verboten erbärmlich an, Dinge allein zu tun?

Vor einigen Jahren verbrachte ich ein Erasmus-Semester in Schottland. Am Abend vor meiner Abreise, irgendwann zwischen dem sechsten und siebten Spritzer, lallte mir eine meiner besten Freundinnen zu: "Das Tollste am Weggehen ist, dass du sein kannst, was auch immer du sein willst." In dem Moment klang der Satz übertrieben dramatisch, ein bisschen zu sehr nach seichtem Popsong, aber er sollte zum Titelsoundtrack meines Auslandssemesters werden. Ich ahnte es zu dem Zeitpunkt noch nicht, aber "was auch immer du sein willst" war in meinem Fall genau eins: allein.

An dem Tag, an dem ich an einem Ort landete, an dem kein Mensch mich kannte, realisierte ich unverhofft genau das: kein Mensch kannte mich. Endlich konnte ich all den exzentrischen Gelüsten nachgehen, die ich bisher unwissentlich unterdrückt hatte, und in meinem Fall waren das weder Drogenexperimente noch fragwürdige Tattoos an noch fragwürdigeren Körperstellen. Stattdessen lief ich plan- und ziellos in den warmen Sonntagsregen, holte mir Bücher aus dem second-hand Laden und las sie im Café, zwischen dem Surren der Kaffeemaschine und dem sanften, schottischen Stimmengewirr. Ich ging stundenlang spazieren, und schoss fürchterliche, pseudo-artistische Fotos aus schrägen Perspektiven. Ich ging allein zum Stand-Up Comedy. Ich kaufte mir drei überteuerte Cupcakes und aß sie alle in einem Park, während ich mich an Brontë’s Vilette versuchte, und scheiterte. Ich liebte es.

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Allein im Park. Na und? Foto: M. Schwarz

Diese Nachmittage waren auch deshalb so schön, weil ich mich nicht fragen musste, ob mein Tun klischeehaft war, oder erbärmlich, weil mich dort niemand kannte und ich nicht damit rechnen musste, dass mir jemand bei meiner Rückkehr in die Zivilisation schon von weitem "MIT WEM?" entgegen schreien würde. Niemand verurteilte mich, nicht einmal ich selbst. Ich konnte sein und tun ohne die Motive für mein Verhalten in Frage zu stellen, und das stellte sich als enorme kognitive Entlastung heraus.

Zurück in Wien, zurück in einem Leben, das geduldig und gierig darauf wartete, mich in mein altes Ich zurück-zu-umarmen, versuchte ich alles, um meinen neugewonnenen Freiheitssinn zu bewahren. Es war schwierig. Wenn du jahrelang an demselben Ort gelebt hast, dann hast du langsam aber unwiderruflich eine Du-förmige Ausbuchtung in das Sofa deines Lebens gesessen. Und diese Ausbuchtung ist bequem.

Ich wollte zum Auftritt eines deutschen Poetry-Slammers, und kurz knickte ich ein und fragte eine Freundin, ob sie mitkommen wollte, aber sie konnte nicht (Großtanten-Oberhalsschenkelbruch), und deshalb kaufte ich schnell das Ticket, bevor ich meine Meinung wieder ändern konnte.  

Der Abend fühlte sich anders an. Während ich mich bei meinen solitären Mini-Abenteuern auf der fernen britischen Insel kompromisslos frei und lebendig gefühlt hatte, kämpfte ich in meiner Heimatstadt bei der identischen Aktivität mit einer merkwürdigen Beklemmung. Im Vorraum des Veranstaltungsorts, zwischen all den Paaren und Gruppen, fühlte ich mich befangen. Ich las fast alle vorhandenen Flyer so konzentriert, als würde ich mich auf einen Multiple-Choice-Test vorbereiten. Die unerwartete Schnittmenge mit dem Internisten-Wartezimmer und dem Sexshop: Ich wollte hier auf keinen Fall erkannt werden.

Die Vorstellung selbst konnte ich genießen. Im Dunkel des Saals fühlte ich mich zugehörig. Schau mal, wie wir synchron lachen und klatschen und nicken! Aber im Bus nachhause packte mich wieder das sichere Gewissen, dass ich bewusst ausgeschlossen wurde, von all den anderen, die konspirativ flüsternd die besten Pointen des Abends rezensierten.

Das war meine erste Allein-Aktivität außerhalb der Erasmus-Bubble. Insgesamt war es, unübertrieben, ein Wechselbad der Gefühle. Manches war unangenehm. Manches war schön.

Wenn du alleine bist, kannst du nichts teilen, weder das Popcorn noch die ungute Ahnung, den Peter Handke Film nicht ganz verstanden zu haben. Bist du solo im Kino, dann lachst du weniger, selbst in einem Hader-Film. Und manchmal, besonders in den Pausen, fühlst du dich wie früher, wenn du nüchtern in der Disco warst und grad kein Getränk hattest und nicht wusstest, was du mit deinen Händen tun sollst, nur dass du diesmal nicht weißt, was du mit dir als Ganzes tun sollst.

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Trotzdem bin ich drangeblieben, und es ist einfacher geworden. Und so viel schöner. Allein was zu unternehmen hat viele Vorteile: keine mühsamen Verhandlungen über die Filmauswahl oder die Kino-Location. Absolute Unabhängigkeit. Nicht zuhause bleiben müssen, weil dein Begleiter krank geworden ist. Die Gedanken schleifen lassen, oder einfach schamloses people watching betreiben. Ohne den Zwang zur sozialen Performanz kannst du dich ganz auf den Film/die Vorstellung/die Bilder konzentrieren. Es ist eigenartig, aber Musik klingt intensiver und Gemälde werden bunter, wenn du allein mit ihnen bist, ganz ohne Ablenkungen.

Noch einfacher und noch schöner wäre das mit dem Alleinsein aber, wenn man sich nicht dafür rechtfertigen müsste. Wenn niemand danach "Mit wem?" fragen würde, sondern einfach nur: "Wie war’s?"

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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