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Es lebe der Zentralfriedhof

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Der Wiener Zentralfriedhof, Foto: J. Stockreiter

Ein Ort in Wien Simmering, der sich über 2,5km2 erstreckt. Er wurde vom Wiener Sänger Wolfgang Ambros besungen, hat sich heute zu einer beliebten Sehenswürdigkeit etabliert und erfreut sich täglich über viele BesucherInnen – der Wiener Zentralfriedhof.

Auch im Jahr 2019 fahren viele Menschen mit der Straßenbahn 71 zum Zentralfriedhof. Ein böhiger Wind scheucht die mittlerweile braunen Laubblätter auf. Aufgeweckte Eichhörnchen springen von Baum zu Baum und die Raben suchen etwas Schmackhaftes, zwischen diversen liebevoll hergerichteten Grabbeigaben. Ein Specht klopft laut an eine mächtige Lärche und im Hintergrund klingen die Glocken der Karl-Lueger-Gedächtniskirche.

Drei Jahre hat es gedauert, bis die "Totenstadt" 1874 fertiggestellt wurde. Damals lag der Friedhof noch außerhalb der Stadt, dies sorgte für viel Kritik, besonders wegen der langen Anreisezeiten. Das Volk beschwerte sich: "Eine Stunde Fahrzeit, zwischen Schlachthäusern und Heide und Bauern, und wofür?". 1918 kam die Straßenbahn. Diese erleichterte dann die Anreise.

Auch Frau Bauer (deren Name von der Redaktion geändert wurde) kommt immer mit der Straßenbahn an diesen Ort. Sie besucht das Grab ihres Mannes. Trotz Schwierigkeiten beim Gehen kommt sie immer her, wenn es ihr ein Bedürfnis ist. Der Babyfriedhof, der sich in der Gruppe neben dem Grab ihres Mannes befindet, macht sie besonders traurig. "Bei einem Grab haben sie dahinter eine Spielecke hergerichtet, da tut das Herz schon weh", meint Frau Bauer und sieht traurig in die Richtung der Gruppe 35b. Sie hat ihren Franz vor drei Jahren hier begraben. "Schauen Sie, der Wind hat alles kaputt gemacht und die Raben kommen noch dazu, die reißen alles aus." Frau Bauer kümmert sich gern um das lieblich gestaltete Grab. Wenn sie andere Gräber sieht, die halb verfallen sind, versteht sie das nicht. Der Friedhof hat eine reinigende Wirkung für sie. "Wenn man hinausgeht, fühlt man sich befreit."

Damit ist sie nicht alleine, Wienerinnen und Wiener kommen immer wieder gerne an diesen ruhigen und friedlichen Ort, um ein paar Stunden den Alltag zu vergessen und der städtischen Unruhe zu entgehen. Insgesamt zählt der Zentralfriedhof heute, nach der 7. Erweiterung, 330.000 Grabstellen. Der erste Tote, der hier begraben wurde, war Jakob Zelzer, er war Privatier und bekam das erste Einzelgrab.

Doch nicht nur Angehörige der Verstorbenen kommen auf den Zentralfriedhof. Durch die 1880 errichteten Ehrengräber und die im Jugendstil erbaute Karl-Lueger-Gedächtniskirche wurde dieser Ort zu einer Sehenswürdigkeit, welche viele Touristen aus der ganzen Welt anlockt. Über 1000 Berühmtheiten aus Kultur, Politik oder Wissenschaft haben sich am Zentralfriedhof ein Ehrengrab verdient. So haben Berühmtheiten wie Helmut Qualtinger, ehemaliger Bürgermeister Bruno Marek oder Theophil von Hansen hier ihre letzte Ruhe gefunden.

Zentral, direkt vor der Kirche, bilden die Gräber der verstorbenen Präsidenten von Österreich die Präsidentengruft. Ein runder Platz, am Boden liest man die Namen der sieben bereits verstorbenen Präsidenten. Kränze liegen daneben und in der Mitte ragt ein Sarg aus Stein in Originalgröße. Eine Frau hohen Alters legt kniend eine Rose davor ab und bekreuzigt sich.

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Der Wiener Zentralfriedhof, Foto: J.Stockreiter

Der Friedhof wurde zwar im Jahr 1874 katholisch geweiht, doch es liegen Menschen verschiedenster Religionen hier. So gibt es einen jüdischen, orthodoxen, evangelischen, islamischen und buddhistischen Friedhof. Der jüdische Friedhof ist klar abgegrenzt und ein Ort, der voller Mystik und erlebter Geschichten steckt. Gerade im älteren Teil verspürt man genau diese Stimmung. Der satte Efeu schlängelt sich an den Wegen und Grabsteinen entlang und taucht den jüdischen Friedhof, auch in den kahlen Jahreszeiten, in Farbe.

Ein alter Mann mit Bart und Gehstock spaziert langsam die Wege entlang, ab und an bleibt er stehen, dann huscht ihm ein Lächeln über das Gesicht. "Nein, meine Verwandten liegen alle in Niederösterreich", meint er auf die Frage, ob er hier jemanden besuche. Er schlendere einfach gerne hier durch die Reihen an Gräbern, liest die Inschriften und kommt so zu seiner Bewegung. Freudenstrahlend erzählt er weiter: "Letztens hab' ich ein Reh gesehen, mitten am Grab ist es gestanden. Das war der Wahnsinn!" Er geht weiter und verschwindet dann in den unzähligen Gräbern des Zentralfriedhofs, der sich trotz scheinbarer Leblosigkeit als unsterblich erweist.

Wien. Mehr Kultur.
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