NOCH MEHR KULTUR

Zwölf aus zwölf

12,410 Gigabyte* an Information saugen wir in einem Jahr in uns auf. Wir inhalieren Filme, Artikel, Videos und Bilder wie Chips, unersättlich, manchmal im Halbschlaf, während wir mit den salzigen Fingern schon gierig nach den Manner Schnitten greifen. Grund genug um sich die Hände abzuwischen und eine persönliche Bestandsaufnahme zu machen: Was im letzten Jahr hat mich so gepackt, amüsiert oder berührt, dass es aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz hängen geblieben ist? Das Ergbnis meines Rückblicks sind diese zwölf Filme, Serien, Artikel, Podcasts, YouTube Videos, Blogs und Songs, deren Halbwertszeit deutlich länger als zwölf Monate ist.

Grob geschätzt* sieht die durchschnittliche MedienkonsumentIn pro Jahr 520 Episoden verschiedener Netflix-Serien, 1400 YouTube Videos und zwei Kinofilme. Im selben Zeitraum liest sie/er 20 Millionen Wörter in den Sozialen Medien und obendrauf noch knapp 4 Bücher.

Photo by Thor Alvis on Unsplash klein
Bild: Thor Alvis auf Unsplash

Das ist einiges an Information. Außerdem konsumieren wir vieles davon nur nebenbei, als Soundtrack beim Abwasch zum Beispiel. Kein Wunder also, dass man sich am Ende des Jahres nur an einen Bruchteil erinnern kann. Aber nicht jedes Produkt menschlicher Imagination verdient es sofort im Informations-Bermuda-Dreieck zu versinken, und nach genau diesen Schätzen habe ich in den Untiefen meines überfüllten Hippocampus gegraben. Geblieben sind ganz im Sinne Marie Kondō‘s diese zwölf Dinge, die mir 2019 richtig Freude gemacht haben.

 

SEHENSWERT

1 YouTube: "1906 – Tramride Through Vienna, Austria", Kanal: Guy Jones

Lust auf eine Zeitreise? In diesem original YouTube-Clip fährst du mit der Straßenbahn durch das Wien des frühen 20. Jahrhunderts. So richtig atmosphärisch wird's durch den O-Ton: das Getrappel der Kutschpferde, das Stimmengewirr der Fahrgäste und das Bimmeln des Läutwerks. (Bonus-Quizfrage: Wie viele Männer mit Schnurrbart passen in ein 3 Minuten-Video?)

2 Serien-Streaming: "Queer Eye", Netflix

Es war ein harter Schicksalsschlag: Unsere go-to Wohlfühl-Serie "Friends" hat Netflix verlassen, und "The Office" macht sich auch bald aus dem Staub. Zwar bieten die Streamingdienste ein großartiges dramatisches Serienangebot (zum Beispiel  AMAZON’S FLEABAG) aber für regnerische Sonntagabende brauchen wir halt trotzdem was fürs Herz. In der amerikanischen Make-Over Sendung "Queer Eye" verschönern fünf Experten das Leben eines Heros. Queer Eye ist das, was es eigentlich nicht geben sollte: humanes, nicht-voyeuristisches Reality-TV. Yass, queen!

3 Stand-up comedy: "Nanette" von Hannah Gadsby, Netflix

Mit Ihrem Stand-Up Programm hat die Australierin Hannah Gadsby neu definiert, was Satire ist. Mir ist bisher noch niemand untergekommen, der es nicht liebt. (Abgesehen von den Trolls auf YouTube, die aller Wahrscheinlichkeit nach auch Beyoncé-Videos disliken). Wenn du "Nanette" noch nicht gesehen hast, dann SCHAU’S JETZT.

4 Beautiful Boy, Regie: FELIX VAN GROENINGEN, mit Steve Carell und TIMOTHÉE CHALAMET

Den eindrucksvollsten Film des Jahres habe ich bereits im Jänner gesehen. "Beautiful Boy" basiert auf einer realen Begebenheit: Der Sohn eines New York Times Journalisten wird drogenabhängig, sein Vater kämpft jahrelang um ihn und mit ihm gegen die übermächtige Sucht. Fühlt sich so echt an, dass man manchmal kaum Luft bekommt.

5 Instagram: @BYMARIANDREW, Mari Andrew

Die amerikanische Künstlerin Mari Andrew hat ein außergewöhnliches Talent: Sie verdichtet diffuse Stimmungen in minimalistische Illustrationen. Fast alle Kommentare unter ihren Bildern sind eine Version von "Oh man, I feel this ❤️". Zwischen all den photo-geshoppten und Abnehm-Tee-bewerbenden Influencer*innen auf Instagram ist sie ein Leuchtturm der Authentizität. 

6 Museum: WESTLICHT, Westbahnstraße 40, 7. Bezirk

Das Westlicht ist und bleibt mein Lieblingsmuseum in Wien. Im Herbst zeigt die Galerie immer die  BESTEN PRESSEFOTOS DER WELT, aber auch im restlichen Jahr gibt es treffsicher kuratierte Ausstellungen. Aktuell sieht man unter dem Titel "Fake Truth" täuschend echte Schnappschüsse der Stars, nachgestellt von der britischen Künstlerin Alison Jackson.

Credit Alison Jackson Royal Selfie
Royal Selfie, Bild: Alison Jackson

 

LESENSWERT

7 Buch: “ALLES, WAS ICH WEISS ÜBER DIE LIEBE” (original: „Everything I Know About Love“) von Dolly Alderton, Kiepenheuer & Witsch Verlag

Niemand schreibt so unterhaltsam und kitschfrei über die Liebe – die romantische, die freundschaftliche und die vielzitierte zu sich selbst – wie die Britin Dolly Alderton. Der häufigste Kommentar meiner Freundinnen, denen ich das Buch empfohlen habe: „JA, genauso ist es!“

Auszug: "Es war eine Zeit der maßlosen, exzentrischen Ausschweifungen. Eine Welt, in der zwei meiner Freundinnen die ganze Nacht durchtanzten und am Sonntagmorgen in ihren goldenen Lycraklamotten direkt zum Gottesdienst in die Kathedrale gingen, um Kirchenlieder zu trällern. Eine Welt, in der Farly einmal für ihre Neun-Uhr-Vorlesung aufstand und im Wohnzimmer auf mich und Hicks traf, wo wir mit einem Taxifahrer mittleren Alters, den wir nachts zu uns eingeladen hatten, immer noch Baileys tranken. Wir waren die schlimmsten Studentinnen, die man sich vorstellen kann. […] Heutzutage wechsele ich die Straßenseite oder steige eine Haltestelle früher aus der U-Bahn, um exakt dieselben lärmenden, dummen, selbstverliebten Exhibitionisten zu meiden, wie wir sie damals waren."

8 Kolumne: "Schmerz, lass nach: Mein Leben mit chronischen Schmerzen", von Ulrike Pichl, Süddeutsche Zeitung Magazin

Zugegeben, klingt auf den ersten Blick nicht sehr prickelnd. Diese zehn-teilige Kolumne ist mir aber wie keine andere in Erinnerung geblieben. (Die "Süddeutsche" hat gerade sowieso die genialsten Beiträge). Ulrike Pichl, 33, leidet an chronischen Schmerzen. Wer Panikattacken oder andere psychische oder physische Einschränkungen kennt, wird hier die Worte finden, die sie/er lange gesucht hat.

Auszug: "Als wären alle Muskeln in Säure getaucht. Wie der Moment, wenn man im Dunkeln auf einer Treppe ins Leere tritt, wie ein Fall in die Tiefe, nur im Inneren. Wie Müdigkeit, die die Luft tränkt. Wie »Lauf!«, aber du weißt nicht wohin, es gibt nichts, wohin du laufen könntest oder wolltest, und außerdem bist du dafür zu schwach. […] Und alles gewinnt unendlich an Bedeutung und wird aufgeladen von diesen sinnlosen Herzschlägen, dem Pumpen des Blutes und dem Rauschen, den fiebrigen Muskeln."

9 Profil: "ADAM SANDLER’S EVERLASTING SHTICK" von Jamie Lauren Keiles, The New York Times Magazine

Ich LIEBE biographische Essays. Ein Highlight dieses Jahr war dieses Profil über Adam Sandler, und ich mag den amerikanischen Vorzeige-Blödler nicht mal besonders (jetzt aber etwas mehr). Keiles schreibt Sätze zum Riechen, Schmecken und Anfassen. Prädikat: richtig, richtig gut.

Auszug: "Everyone believes they can pull off this kind of joke, but in practice it’s one of the hardest types of humor, because when it doesn’t work, there is nothing to fall back on — no subtext, no context, no wit, no easy point of reference to cling to. Critics, as a group, hate Sandler comedies, sometimes fairly, but just as often because the movies undermine the project of close reading altogether."

10 Blog: UN-FANCY.COM von Caroline Joy

Das Konzept des  CAPSULE WARDROBE, populär gemacht von den Bloggerinnen Caroline Joy und  ANNA NEWTON, hat mir nachhaltig geholfen, meinen Kleidungskonsum zu reduizieren. Die Idee einer "editierten Garderobe" ist es, seinen eigenen Stil zu verstehen, Fehlkäufe zu vermeiden und langfristig weniger zu kaufen. Super hilfreich ist vor allem der ausführliche Fragebogen auf un-fancy.com, der dir hilft zu verstehen, warum du jedes Jahr einen neuen Jeansrock kaufst und ihn dann doch nie trägst.

 

HÖRENSWERT

11 Podcast: Jonathan Safran Foer, Armchair Expert with Dax Shepard, Episode 157

Ich bin eine treue Hörerin des Podcasts  ARMCHAIR EXPERT, in dem die amerikanischen Schauspieler Dax Shepard und Monica Padman Künstler*Innen und Expert*Innen in den verschiedensten Domänen interviewen. Eine meiner absoluten Lieblingsepisoden dieses Jahr war die mit Jonathan Safran Foer, dem Autor von "Extremely Loud & Incredibly Close". Im Podcast spricht Foer mit bemerkenswerter Klarheit über die Unmöglichkeit, im Leben alles richtig zu machen: "We’ve gotten into this habit of measuring our distance from perfection, which no one’s gonna attain, rather than just measure our distance from doing nothing at all."

12 Musik: "Satori" von Conchita, Album: Truth Over Magnitude

Satori (japanisch 悟り) bedeutet so viel wie "Erlebnis der Erleuchtung". Genau so eins hatte ich, als mich Freundinnen im November zu Conchitas Konzert im WUK mitgenommen haben. Ich hatte den österreichischen Künstler Thomas Neuwirth bisher kaum am Schirm, bin aber eines Besseren belehrt worden. Die Stimmung, die dieser Mensch und sein Team bei einem Live-Auftritt kreieren, sollte jede*r einmal erlebt haben.    

 

Auf der Informationsautobahn gibt es keine Geschwindigkeitsbegrenzung, Bilder und Worte ziehen in verschwommenen Fetzen an uns vorbei. Manches davon hätte mehr verdient als die durschnittlichen 2 Sekunden, die wir ihm zugestehen. Es zahlt sich also aus, manchmal einen Blick in den Rückspiegel zu werfen.


 

*Die Statistiken zur Mediennutzung sind ungefähre Schätzungen basierend auf folgenden Quellen:

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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