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Mein Opa ist am Telefon...

telefon klein
Foto: R. Pretting

Es ist über uns hereingebrochen, ein Zustand den wir nicht kennen. Panisch genau können wir jedes Jahr die Grippezeit vorhersagen, wir können prognostizieren, welche Stämme dieses Mal stärker sein werden, können uns in den Apotheken Impfstoffe holen und bleiben damit hoffentlich verschont. Gesundheit auf Rezept. Bis vor kurzem ist Schniefnase neben Schniefnase gestanden und niemand hat auch nur irgendwie reagiert. Die "Gesundheit!"s sind längst vergriffen, zu lange dauert der Winter schon wieder an und mit ihm der Einmarsch von einseitig verstopften Nasenlöchern, kratzigem Hals und Mattigkeit bis Fieber.

Kannst du dir jetzt dein Niesen in der Öffentlichkeit nicht unterdrücken, ist sicher, dass jede Person in einem ein Kilometer Radius die Luft anhält. Die Götter in Weiß, sie sind machtlos. Gottgleich stehen sie vor Entscheidungen, die sie liebend gerne abgeben würden. Ein Leben für ein anderes. Doch das Überleben ist nicht garantiert und die Wahrscheinlichkeit wird an anderer Stelle ausgewürfelt.

"Introverts have been preparing for this their whole life"

Ich lese es und fühle mich angesprochen. Ich bin introvertiert und muss gestehen, ich genieße es, am Balkon zu sitzen und zu lesen. Mir sagt es zu, dass ich beim Einkaufen fast keiner Menschenseele begegne. Ich frage mich, wie es wohl früher war, als die Erdbevölkerung wirklich noch geringer war und Szenen, wie die vor meiner Haustüre, Alltag waren.

Aber ich mache mir nichts vor. Ich weiß, dass ich privilegiert bin. Dass ich nur normal einkaufen kann, weil Lieferant*innen jeden Tag riskieren, sich bei ihrer Arbeit zu infizieren. Dass die Supermarktverkäufer*innen jeden Tag zur Arbeit erscheinen, obwohl sie wissen, dass sie ihren Familien den Virus nach Hause bringen könnten. Dass wir nicht im Müll versinken, weil genügend Leute darauf schauen, dass wir unser Leben möglichst sicher, möglichst normal weiterleben können. Auch bietet es eine gewisse Beruhigung, dass ich weiß, dass alle Leute im Gesundheitssektor ihr Bestes geben, damit es ein Post-Pandemie geben kann. Ich bin dankbar, dass die Familienmitglieder, um die ich mich sonst noch stärker Sorgen machen müsste, Zuhause bleiben können.

Aber was ist mit Moria?

Was ist mit den Menschen, die keine Zuhause haben, in dem sie sich verstecken können? "That boat in which you'll be sailing in order to defeat the epidemic will not look the same to everyone nor is it actually the same for everyone: it never was"1, soziale Ungerechtigkeit. Vielleicht sieht endlich jemand hin.

Mein Handy am Ohr, horche ich ans andere Ende der Leitung. Was mich erwartet weiß ich nicht, ich hoffe immer auf das Beste, aber was ist das in dieser Situation? Nach vier Sekunden hebt mein Opa das Telefon ab. Wir telefonieren im Moment durchschnittlich drei Mal die Woche. Zuvor haben wir uns nur alle heiligen Zeiten gehört und etwa viermal im Jahr gesehen. Er wohnt in einer anderen Stadt und ich bin keine große Telefoniererin. Vor drei Jahren hatte ich mir einen Packen Postkarten gekauft und vorgenommen ihm zumindest jede Woche zu schreiben. Die Karten liegen immer noch in meinem Regal, zwei fehlen.

Die Isolierung tut ihm psychisch nicht gut. Er ist ein ordentlicher Mensch, daher hat sich nichts Zuhause angesammelt, was er nun erledigen könnte. Einmal die Woche geht er einkaufen, wenn das Wetter gut ist, fährt er ins Grüne um alleine spazieren zu gehen und zumindest frische Luft zu bekommen. Heute ist sein Geburtstag, ich wollte zu ihm fahren. Hatte das Ticket schon letzten Monat gekauft und kann nicht realisieren, dass er jetzt doch alleine feiern muss. Aber er macht das Beste daraus. Ist an der frischen Luft und hat ein köstliches Geburtstagsmittag- und -abendessen für sich geplant.

Wir reden gut 10 Minuten, mehr als sonst im ganzen Monat. Es tut sich nicht viel, es gibt nicht viel Neues zu berichten, doch während die Welt geschlossen zu sein scheint, eröffnen sich seelisch ganz neue Weiten. Mein Opa erzählt von der Nachkriegszeit, er ist niemand der in diesem Zeitfenster stecken geblieben ist, aber die Situation erinnert ihn gerade daran. Im Gegensatz zu meiner, kennt seine Generation Ausnahmezustände. Sie wissen, dass nicht immer alles in unserer Hand liegt und wir nichts an den Umständen, sondern nur den Auswirkungen, ändern können.

Übertriebener Optimismus und eine Verherrlichung der Umstände ist in Anbetracht all jener, die in einem kleineren, wackeligeren Boot sitzen, unangebracht. Aber was wäre, wenn wir unsere neugefundene Menschlichkeit und die entschleunigte Zeit dazu nutzen würden, das Grundgerüst zu renovieren. Jetzt heißt es die Augen auf, statt zu zu machen und die Energie, die wir sparen müssen, weil wir nicht raus können, für jene zu nutzen, denen es schlechter geht.

1: Francesca Melandi für The Guardian

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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