NOCH MEHR KULTUR

Als Wiener in Schönbrunn

Mitten im Corona-Lockdown habe ich beschlossen, als Wiener eine der größten - wenn nicht sogar die größte - Touristenattraktion Wiens zu besichtigen. Leere Hallen, gespenstische Stille und eine seltsame Art "Phantom"-Nostalgie waren meine Begleiter in dem verwaisten Schloss, das normalerweise täglich tausende Besucher*innen empfängt.

Ein Artikel ohne Corona (?)

Ich habe eigentlich still und leise geschworen, keine Corona-Artikel mehr zu schreiben, doch realistisch betrachtet ist das Virus als stiller Akteur im Hintergrund ja immer vorhanden, sind unser aller Lebensweisen doch letztendlich geprägt davon. Ich werde also keine Artikel mehr ausschließlich über das Virus schreiben, wie diesen hier. Denn hier geht es um Schönbrunn und wie sich das als Wiener anfühlt, diesen mit Symbolismus und Geschichtsnarrativen aufgeladenen Ort zu besichtigen.

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Foto: C. Gajsek

Die Anreise zum Schloss

Es war ein grauer Tag Anfang Juni, als ich aus dem Bus stieg und geradewegs, ohne Umsteigen zu müssen, nach Schönbrunn fuhr. Hier war auch schon das erste merkwürdige - und ich verwende den Begriff hier neutral, also etwas war würdig, bemerkt zu werden - Detail, über das ich lange nachdenken musste, bis ich auf das sehr passende Konzept von Gilles Deleuze und Felix Guattari gestoßen bin: "Deterritorialisation".

Hinter diesem Begriff versteckt sich eine Vielzahl von komplexen Konzepten, die ich nun wohl erläutern sollte. Deterritorialisation beschreibt das Phänomen, das entsteht, wenn soziale, politische und auch kulturelle Elemente, also beispielsweise Menschen, Objekte, Sprachen oder Traditionen, von einem spezifischen Ort getrennt werden und dabei diesen spezifischen Ort aber auch sinnbildlich erweitern. Beides jedoch nicht nur in geographisch-physischer Form, sondern auch in psychologischer Form. Bei relativer Deterritorialisation findet immer auch wieder eine Reterritorialisation statt, bei einer absoluten nicht.

Wenn ich also in der Nähe meines Zuhauses in einen Bus steige und damit bis nach Schönbrunn fahre, erweitere ich das Territorium "Zuhause" bis zum Schloss, was eine seltsame, vielleicht sogar "unheimliche" Sache ist (dieser Zustand zwischen bekannt und unbekannt, also das Unbekannte des Bekannten und vice versa, ganz nach Siegmund Freud), denn ich wohne nicht im Schloss Schönbrunn, aber durch die geographische Nähe und die direkte Verbindung dorthin fühlt es sich irgendwie so an. Es ist für mich eine banale Handlung in den Bus zu steigen und bis dorthin zu fahren, während andere dafür eine Weltreise machen und sich dann vor Ort stundenlang anstellen.

Leere Erinnerung

Im Inneren des Schlosses überkommt mich eine leise Melancholie, die leeren Hallen, konzipiert, um elendslange Warteschlangen mit hunderten von Menschen in geordnete Bahnen zu lenken, sind so still, dass jeder Schritt lange Zeit nachhallt und die Stille somit doppelt wirkt. Fast postapokalyptisch wirkt das Schloss, das zu leer ist, was Menschen angeht, und zu voll mit sich selbst. Gleichzeitig erinnert das Schloss einen an eine längst vergangene Zeit, die man selbst nicht miterlebt hat, aber durch die historisierende Umgebung einen trotzdem eine gewisse Art Nostalgie spüren lässt. Das Gespenst einer Monarchie geht um, die es so nie gegeben hat, denn wer genau hinsieht bemerkt, dass wir nicht Elisabeth von Österreich-Ungarn in unserer Erinnerung haben, sondern eher Romy Schneider.

Es war eine interessante Erfahrung zu sehen, was für Gedanken ein scheinbar unauffälliger Besuch einer Touristenattraktion bei mir auslöste und es war definitiv nicht mein letzter Besuch des Schlosses. Wer Menschenmassen scheut und einen Faible für Geschichte hat, sollte die Chance eines Besuchs in absoluter Ruhe jetzt nutzen.

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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