NOCH MEHR KULTUR

Die anderen Gespenster

Jacques Derrida schrieb 1993 mit "Marx' Gespenster" ein Buch, das einen dermaßen gewaltigen kulturellen Impact hatte, wie es nur wenige philosophische Werke der letzten Jahrzehnte verzeichnen können. Seine darin enthaltene Wortkreation "Hauntology" ist bei weitem nicht nur ein Wortwitz bezogen auf "Ontologie", das im Französischen bei der Aussprache nicht von "Hauntology" unterschieden werden kann, sondern das Wort selbst ist spukhaft, etherisch, unfassbar.

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Abbildung (c) Sam Heimer

Die Lehre vom Sein (Ontologie) und die Lehre vom Spukhaften (Hauntology) sind also nah beieinander, nicht nur zwei Seiten einer Medaille, sondern während ersteres beschreibt "was ist", beschreibt sein spektrales Geschwister das, "was nicht ist", was spukt und dadurch dennoch wirkt. Hauntology beschreibt das Phänomen einer Melodie, bei der man immer mehr als nur die im Augenblick gespielte Note wahrnimmt, auch die letzte, noch im Gedächtnis gebliebene, wirkt weiter und auch die nächste, erwartete Note, sucht die Melodie heim.

Bekannte Ursprünge – Ein kleiner Auszug in die Geschichte des spukhaften Feiertags

Der keltische Ursprung Halloweens, das Herbst-, Neujahrsfest "Samhain" ("sawn" ausgesprochen, übersetzt: "Ende des Sommers") ist weitestgehend bekannt, auch dass die daraus hervorgehenden traditionellen Halloweenfeiern - "Halloween" von "Allerheiligen/All Hallows Eve" - im katholischen Irland die Vorstufe für das modernere, amerikanische Halloween bilden, wurde in verschiedensten Artikeln, TV-Beiträgen und einschlägiger Literatur bereits hunderte Male aufgriffen. Auch die irische Legende vom Schmied Jack Oldfield, der den Teufel mehrere Male hereinlegte und nach seinem Ableben weder in den Himmel, noch in die Hölle durfte und seither mit einer ausgehöhlten Rübe, beleuchtet mit einem Stück brennender Kohle, durch die Ewigkeit irrt und so den späteren Kürbislaternen den Namen "Jack O'Lantern" vermachte, ist durchaus schon von vielen gehört worden. Weniger bekannt ist allerdings, dass der heute nicht mehr wegzudenkende orangefarbene Halloween-Kürbis mit dem Namen "Howden" in den USA erst in den 1960er Jahren eingeführt wurde, andere Kürbissorten wurden allerdings schon bereits seit Beginn des 19. Jahrhunderts zum Schnitzen benutzt. Ebenfalls weniger bekannt ist hierzulande, dass die 60er auch das große Jahrzehnt der kommerzialisierten Halloweenmusik waren. 1962 war das Jahr des Songs "The Monster Mash", ein novelty Halloweenlied für Jung und Alt, in dem der amerikanische Sänger Bobby Pickett seinen gröbsten Bela Lugosi-Akzent zum Besten gibt und das seitdem ebenfalls ein fixer Bestandteil des schaurigen Festes ist. (Lesetipp ist dieser ausführliche Artikel über Halloween, als auch Lisa Mortens 2012 erschienenes Buch "Trick or Treat: A History of Halloween")

Andere Gespenster

Halloween wird oft beschrieben als "der Tag, an dem der Schleier zwischen den Welten am dünnsten ist", an dem die Realität und die Geisterwelt näher beieinander sind. Dies ist auch im Sinne Derridas interessant, da wir hier wieder den "gespenstischen Zustand" zwischen Existenz und Nicht-Existenz beschreiben. Halloween kann also als derridaische Manifestation gesehen werden. Eine zelebrierte Hauntology. Während Derrida seine Erklärung von Hauntology auf William Shakespeares "Hamlet" aufbaut, möchte ich ein anderes literarisches Werk, das ähnlich gut zur Illustration herangezogen werden kann, hier erwähnen. Auch Ray Bradbury erkennt Gespenster in seinem spukhaften Meisterwerk "The Halloween Tree", welches ich seit mehr als 10 Jahren jährlich in dunklen Oktobernächten wieder lese. Darin schrieb er, deutlich ausgesprochen von einem wichtigen Charakter der Geschichte, "Gespenster sind Erinnerungen" und dabei ist das Buch 1972, also mehr als zwei Dekaden vor Derridas Essay, erschienen. Ein gespenstischer Vorgriff sozusagen.

Doppelt gespenstisch wird es sogar, wenn wir und die seit einigen Jahre immer ausgeprägtere Verbreitung von Vintage Halloween-Produkten, Dekorationen, Ästhetiken vor Augen halten. Hier spuken nicht nur die Geister des gegenwärtigen, sondern auch von vergangenen 31. Oktobern, die es nie gegeben haben wird, verloren in "disjointed time". Halloweens aus dem frühen 20 Jahrhundert suchen uns hier "wieder" heim, obwohl wir sie nie selbst erlebt haben. Kulturelle Wiedergänger aus der Zeit.

Der Zahn der Zeit – Lost Futures

Ein weiterer Ausbau der Hauntology erfuhr das Konzept durch Mark Fishers "Ghosts of my Life. Writings on Hauntology, Depression and Lost Futures". Doch warum eigentlich "verlorenen Zukünfte"? Hier muss man sich in Erinnerung rufen, dass Gespenster das normale Gefüge der Zeit stören, aus den "Fugen" - "joints" - geraten lassen. Denn Gespenster sind nicht einfach nur Vergangenheiten, aber auch nicht Gegenwarten. Sie sind spektrale Vergangenheiten, die keine Gegenwarten werden konnten. Damit also verlorene Zukünfte aus der Perspektive der Vergangenheit, durch ihren "Tod" dem Zeitenstrom entrissen. Ebenfalls ein wichtiger Teil von Hauntology, ist das Gefühl, um eine versprochene Zukunft betrogen worden zu sein, eine Zukunft, die bereits in der Vergangenheit starb.

Gerade dieses Jahr sind es unsere vergangenen Erfahrungen, die uns als Gespenster heimsuchen, was haben wir 2012, 2015, 2018 anders gemacht, konnten wir anders machen? Wir fragen uns, was nächstes Jahr wird, hier spukt dann die Zukunft in unseren Köpfen. Ich möchte diesen Artikel mit dem Gedicht "Antigonish" von William Hughes Mearns beenden, welches den Zustand zwischen Nicht-Existenz und Existenz ausgezeichnet beschreibt:

Yesterday, upon the stair,
I met a man who wasn't there!
He wasn't there again today,
Oh how I wish he'd go away!

When I came home last night at three,
The man was waiting there for me
But when I looked around the hall,
I couldn't see him there at all!

Go away, go away, don't you come back any more!
Go away, go away, and please don't slam the door...

Last night I saw upon the stair,
A little man who wasn't there,
He wasn't there again today
Oh, how I wish he'd go away...

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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