NOCH MEHR KULTUR

Tales from the Kinokassa Vol. 2

schwarzklein

Im ersten Teil meiner Reportage habe ich mich dem Alltäglichen an der Kinokassa gewidmet. Den guten und weniger guten Erfahrungen, aber immer Alltägliches. Ein einschneidendes Erlebnis meiner Arbeit habe ich jedoch bewusst ausgelassen, da es nicht in den inhaltlichen Rahmen gepasst hätte. Mein letzter Arbeitstag vor dem erneuten Lockdown war der 2. November, der Tag, an dem vier Menschen ihr Leben durch einen Terroranschlag verloren haben. Da sich das Ganze in der relativen Nähe meines Arbeitsplatzes abgespielt hat, musste ich ebenfalls mehrere Stunden in Ungewissheit ausharren, bevor ich nachhause gehen konnte. Ein Versuch einer persönlichen Aufarbeitung und weitere Überlegungen.

Ich möchte von vornherein festhalten, dass es mir nicht um eine mediale Ausschlachtung eines Terroranschlags geht und ich mich nicht am Leid anderer bereichere, sondern lediglich meine Erlebnisse schildern will, da diese nun mal auch zu meinem Job an der Kinokassa gehören.

Ich erinnere mich relativ genau, als am 2. November während meines Dienstes, der sonst unauffällig war (bis auf den Umstand, dass eine allgemeine Anspannung herrschte auf Grund der Ungewissheit, die der erneute Lockdown verursachte), gegen 20 Uhr mehrere Leute in meiner Nähe begannen, gebannt auf ihre Telefone zu starren und aufgeregt miteinander sprachen. Sehr schnell hatte ich Wortfetzen "Terrorismus" und "Wien" mitbekommen, noch nicht realisierend, wie nahe das Geschehen wirklich war.

Gegen 21 Uhr begann unsere letzte Vorstellung, weshalb wir einige Besucher*innen im Kinosaal hatten, was mich an sich noch nicht beunruhigte. Als aber gegen 21.15 Uhr ein Polizist angerannt kam und lauthals schrie, wir sollen den Bezirk verlassen, da bewaffnete Leute Menschen töten wollen, da wurde mir anders. Ich kann nur von Glück reden, dass zwei meiner Vorgesetzten und eine geschultes Sicherheitspersonal vor Ort waren, die uns alle in Sicherheit gebracht haben, ohne dabei Panik ausbrechen zu lassen.

Im Nachhinein wissen wir mittlerweile, dass es sich "nur" um einen Angreifer gehandelt hat, der bereits nach neun Minuten erschossen wurde. Im Nachhinein wissen wir, dass wir vor Ort nie in Gefahr waren. Ja, im Nachhinein scheint unser dreistündiges Ausharren beinahe banal, was uns in der Situation selbst aber selbstverständlich nicht geholfen hat. Alle möglichen Gerüchte und ein weißes Rauschen der Nachrichtensender, die sich gegenseitig überboten in der Darstellung grauenhafter Details, bis heute ohne adäquate Konsequenzen für die Verantwortlichen, hat die Situation natürlich nicht besser gemacht. Ich habe mich eher darauf konzentriert, ruhig zu bleiben und einen Überblick auf das Geschehen vor Ort zu behalten, als ohnehin fehlerhafte Spekulationen zu verfolgen.

In diesem Artikel die komplexen Hintergründe zwischen Terrorismus, Kapitalismus, Rassismus, Kolonialismus und Orientalismus im Speziellen zu erläutern würde selbstverständlich nicht nur den Rahmen sprengen, sondern auch meine Kompetenzen übersteigen. Da gibt es weitaus qualifiziertere Personen hierfür. Was ich hingegen aber sehr wohl aber tun kann und muss, ist, zu Einigkeit aufzurufen. Achtet auf eure muslimischen, jüdischen, ... Mitmenschen, denn diese Zeit ist für sie besonders schwierig. Achtet generell auf marginalisierte Leute, denn zum Beispiel das Thema Terrorismus und Obdachlosigkeit ist von unserer Regierung noch nicht einmal angedacht worden.

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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