NOCH MEHR KULTUR

Ein Jahr Corona - Ein Rückblick

Vor circa einem Jahr habe ich den Artikel "Epidemien und Film. Unwissenheit und Vorurteil" verfasst. Ich denke, es ist an der Zeit, sich ein paar Dinge erneut anzusehen und zu vergleichen. Wie hat sich unser Jahr in Zeiten von Corona zugetragen?

corona2021

Illustration von Hugo Gerard Ströhl (*24. September 1851, + 7. Dezember 1919)

Neben den Darstellungen von Pandemien im Film und den oft rassifizierten Untertönen, versuchte ich auch, eine Diagnose über die Auswirkungen von Covid-19 auf unser aller Leben zu stellen. Ich war einer von jenen Leuten, die Covid-19 mit einer Grippe verglichen, basierend auf Todeszahlen vergangener Grippeepidemien, was sich natürlich zum jetzigen Zeitpunkt als Fehlschluss herausstellt.

Selbst wenn wir die Mortalitätsrate des Virus ausklammern - warum auch immer man das tun sollte: ich vermisse den Diskussionspunkt, dass nicht nur die Langzeitfolgen nach einer Infektion enorm sind, sondern dass selbst mild Verläufe Personen außer Kraft setzen, die eine Zeit lang ausfallen; was bei der hohen Ansteckungsrate ja auch schon ein gesellschaftliches Problem darstellt. Was ich hier bewusst außen vorlasse, ist die Wirtschaft. Das lebensfeindliche Gerede über diese halte ich nicht mehr aus und möchte es auch nicht unterstützen. Es sollen wieder die Menschen und Lebewesen ins Zentrum der Debatte rücken.

Was jedenfalls leider korrekt war, war meine Prognose bezüglich der rassistischen Debattenkultur rund um das Virus. Ja, sogar noch schlimmer als erwartet waren die sinophoben Äußerungen und Konsequenzen für asiatisch wahrgenommene Menschen. Angefeuert von Trumps Bestehen darauf, das Virus "China Virus" zu nennen, kam es bisher immer wieder zu Angriffen, sei es verbal oder physisch, welche für Ältere mitunter auch tödlich endeten. Es gibt Momente, in denen man sich wünscht, falsch gelegen zu haben; dies ist einer davon.

Doch was hat sich sonst noch so getan?

Ein durchzogener Sommer voller Unsicherheit, Corona-Ampeln, Lockdown "light" bis "heavy edition", eine planlose Regierung und Beschuldigungen von rassifizierten Menschen, die in Österreich leben. Schuld waren die Balkan-Rückkehrer im Herbst und die "Ausländer-Wiener" im Winter, als in den Skigebieten die Zahlen wieder hochgingen, beziehungsweise nicht sanken. In Tirol wurde "alles richtig gemacht" und Verschwörungstheoretiker, Neonazis und Hippies wurden zu einer unerwarteten Koalition gegen die Coronamaßnahmen der Türkis-Grünen Koalition – oder aber auch gegen Bill Gates, Elvis Presley, Aliens, die Realität selbst; der Grad an Indoktrinierung variiert hier.

Auf Seiten der Literatur gab es auch einige interessante Publikationen, die sich mit Pandemien, Krankheiten, Krisen und auch so Dingen wie die Kulturgeschichte von Masken beschäftigten. Manche davon halte ich für eventuell verfrüht, da sich sicher noch eine ganze Menge in diesem Bereich abspielen wird. Wir werden "uns wundern, was alles geht", um einen alten Spruch aus der lokalen Politik mal wieder zu entstauben.

Auch interessant ist es, dass Menschen, denen Subtext bis jetzt immer ein Fremdwort war, auf einmal ganz erstaunliche massenpsychologische Manipulationen bemerken wollen und Gesundheitsmasken mit Maulkörben gleichsetzen. Die Maske als Politikum - hier bitte nicht falsch verstehen, das Tragen einer Maske und damit das Zeigen von Solidarität ist durchaus politisch, nur nicht so, wie es die 5G Mastenstürmer sich denken. Hätte man diesen Leuten vor einem Jahr von Michel Foucaults These, dass Gebäude im Kapitalismus - seien es Fabriken, Schulen oder Einkaufszentren - auf Grund von Machtdynamiken wie Gefängnisse wirken, erzählt, ich wäre gespannt auf die Reaktionen.

Letzten Endes bleibt uns wohl nur abzuwarten, zu hoffen, dass sich die Impfgiganten einreißen und zu schauen, dass wir uns und unsere Mitmenschen soweit es geht schützen. Man sollte meinen: dies sei nicht zu viel verlangt.

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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