NOCH MEHR KULTUR

Schreibseminar für Anfänger

Nachdem ich einen Roman gelesen hatte, in dem die Protagonistin ein Schreibseminar besuchte, nahm ich am Seminar "Writers' Tricks" vom Writers' Studio in Wien an vier Halbtagen teil. Endlich konnte ich wieder aus dem Coronaalltag ausbrechen und etwas Lebenserfahrung sammeln.

schreibseminar wunderstock klein
Einmal Schreibseminar, bitte! Foto: Wunderstock

Die Spielregeln

Klarerweise war nicht alles so, wie vor unserer neuen Zeitrechnung (vor und nach Corona), aber es kam der alten Welt nahe. Drei Teilnehmerinnen waren vor Ort anwesend, drei wurden über Zoom zugeschalten. Um am Präsenzunterricht teilnehmen zu können, waren die üblichen Maßnahmen notwendig: Antigentest, FFP2-Masken, Abstand halten, Hände desinfizieren und ja nicht vor allen anderen husten oder niesen müssen, damit man nicht abfällig angesehen wird und verzweifelt sagen muss: "Ich habe kein Corona".

Stoff

Das Hauptziel des Seminars ist es, den Teilnehmerinnen die Angst vorm Schreiben zu nehmen und sie in einen Schreibfluss hineinzubekommen. Endlich wurde einem gesagt, dass man nicht als kleines Schreibgenie in diese Welt hineingeboren wird, sondern dass es verschiedene Techniken und Tricks gibt, um Worte auf Papier zu bringen.

Eine dieser Methoden ist das "Free writing". Die Idee dahinter ist, dass man das Schreiben zur Routine macht. Hierfür nimmt man sich zehn Minuten Zeit und schreibt alles auf, was einem gerade in den Sinn kommt. Die einzige Regel ist, dass man in diesen zehn Minuten nie den Stift absetzt. Und wenn einem gerade nichts einfällt, dann schreibt man eben solange "mir fällt nichts, mir fällt nichts ein…", bis wieder andere Worte im Gehirn aufploppen. So trivial sie einem auch erscheinen mögen. Das spielt hier keine Rolle.

So lernten wir uns von dem Gedanken zu lösen, dass in unserem Kopf bereits der nächste Jahrhundertroman inklusive Literaturnobelpreis sitzt. Wir ihn aber einfach nicht perfekt zu Papier bringen können, weil unser Hirn ihn noch nicht fertig gestellt hat. Wenn man einfach mal drauf los schreibt, hat man schon die halbe Miete. Dann hat man immerhin seinen Rohtext stehen, den man im Laufe der Zeit so oft umschreiben kann, wie man will. Nicht umsonst hat Ernest Hemingway gesagt: "Der erste Entwurf ist immer Scheiße".

Wir arbeiteten uns langsam vorwärts, bis jede Teilnehmerin einen Rohtext für einen Personal Essay schrieb. Am folgenden Tag las ich meinen Text den anderen Teilnehmerinnen vor. So nervös war ich schon lange nicht mehr. Vermutlich das letzte Mal vor einem Referat in der Schule.

Safe Space

Das Schönste an dem Seminar war für mich, dass in dieser Zeit und an diesem Ort ein absolut sicherer Raum geschaffen wurde. Alle Ängste über das Schreiben hatten Platz. Alle haben diese Ängste auch geäußert. Ziemlich oft habe ich mich in den Worten der anderen Teilnehmerinnen wieder erkannt und war innerlich ganz entzückt davon, nicht alleine zu sein mit diesen negativen Gedanken. Es entstand dadurch ein unglaubliches Gemeinschaftsgefühl, das im Austauschen von E-mailadressen und Onlineunterhaltungen mündete. Diese rege Diskussionen und diese Sicherheit sind vor allem unserem Seminarleiter Marcus zu verdanken, der uns sehr behutsam an alles heranführte und es verstand, uns unsere Ängste zu nehmen. Aber auch alle Teilnehmerinnen gingen sehr bedachtsam miteinander um. Denn Schreiben ist etwas sehr Persönliches, Emotionales.

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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