NOCH MEHR KULTUR

Bericht von der Front

Die Emotionen in der Bevölkerung kochen seit etwa einem Jahr verständlicherweise über. Besonders gut ist dies zu beobachten in den unterschiedlichsten Geschäften dieses Landes. Wie gut, dass ich derzeit in einem Reformhaus arbeite und darüber berichten kann.

reformhaus klein
Über das Arbeiten in einem Reformhaus in Corona-Zeiten. Foto: Pixabay

Entsprechendes Publikum?

Etwa 300 Kunden kommen täglich in das Geschäft in einem, sagen wir mal, besser situierten Bezirk Wiens. Vorweg sei gesagt, dass ein Reformhaus vermutlich etwas schrägere Menschen anzieht als ein Supermarkt an der Ecke. Da kommen einem schon Leute unter, die nicht wollen, dass man die Produkte scannt, sondern den Code abtippt. Natürlich überwiegt die Anzahl der Personen, die nett oder neutral gegenüber uns sind. Das menschliche Gehirn hat leider die wunderbare Angewohnheit sich am Ende des Tages sich vor allem an die schlechten Erlebnisse zu erinnern.

Lieblingskunden

Beginnen wir mal mit dem Positiven. Um sich bei Angestellten in einem Geschäft beliebt zu machen, muss man höflich sein und uns wie Menschen behandeln. Dann kann man alles von uns haben. Dann suchen wir so lange nach einem Produkt, bis wir es finden. Auch wenn man es in unserem Geschäft nicht erhält. Für die würden wir uns ein Bein ausreißen, um sie glücklich zu machen. Zu den etwas ruppigeren Kund*innen sind wir höflich und wir machen das, was nötig ist. Nicht mehr, nicht weniger. Das war bereits vor Corona Usus, wie ich mir habe sagen lassen. Diese Pandemie hat die Umgangsform mit uns Mitarbeiterinnen verschärft.

Mea culpa

Ich bin noch nie in meinem Leben an so vielen Dingen schuld gewesen wie jetzt. Wenn etwas nicht lieferbar ist (da können wir als Geschäft wirklich nichts machen). Wenn die Biofeigen aus Chile kommen und nicht in Österreich wachsen. Für den Preis von einem Produkt. Für getrocknete Bananen in einem Müsli. Für Kunden, die ihre Masken falsch tragen. Wenn Kunden Masken tragen müssen.

Reizthema: die Masken vs. der freie Wille (laut mancher Personen)

Wenn ich schon beim Thema Masken angekommen bin, erzähle ich an dieser Stelle mal mehr über den Umgang unserer Kund*innen damit. Die Mehrheit trägt eine Maske. Viele falsch, obwohl ich es bei FFP2-Masken fast als Kunst ansehe, diese unter der Nase zu tragen (Ist das nicht schrecklich unangenehm, wenn dieser Bügel auf die Oberlippe presst?). Wenn keine Maske getragen wird, dann machen wir die Kunden darauf aufmerksam. 99% dieser Personen wiederum haben ein Attest. So weit, so gut. Keine weitere Diskussionen, könnte man denken. Jedoch hört hier der Spaß meistens nicht auf. Die Mehrheit fängt in Folge dessen mit uns zu diskutieren an über Menschen-, Freiheits- und Persönlichkeitsrechte. Wir sind peinlich betreten und flüchten in einen anderen Teil des Geschäfts. Eine Kollegin durfte sich von einer Dame mit Attest belehren lassen, dass sie zum Lesen dieses Zettels eine medizinische Ausbildung braucht. Ich durfte mir anhören, dass nur die Polizei ein Attest lesen darf.

reformhaus2 klein
Mit Maske im Geschäft. Foto: Pexels

Müdigkeit

Ich verrate an dieser Stelle zwei Geheimnisse: 1. Wir bekommen solche Anweisungen vom Chef. Der sie wiederum von der Republik Österreich bekommt. Wir denken uns das nicht aus. 2. Wir wollen uns wirklich nicht mit Corona anstecken.

Wenn mir am Ende des Tages eine Kundin mit Maske sagt, dass der Oberste Gerichtshof am 1. 1. 2021 im Geheimen entschieden hat, dass das Tragen von Masken ab sofort illegal ist, dass wir demnächst alle hohe Geldstrafen zahlen müssen und dass wir die Wahrheit verkünden müssen. Dann antworte ich nur noch abgestumpft: Ok, drehe mich um und gehe.

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

Back to Top