NOCH MEHR KULTUR

Über Corona reden

Ich weiß, ich bin nicht die Einzige, die Sehnsucht hat. Danach, neue Leute kennenzulernen und unspannenden Smalltalk zu führen – »Und was machst du so?« –, mit der Bäckerin ein paar Worte zu wechseln und ihre untere Gesichtshälfte zu erkennen, nach Unbeschwertheit, nach gehaltlosen Blödeleien im Büro, nach Gesprächen, die nicht zwangsläufig früher oder später beim C-Wort landen.

corona talk klein
Über Corona reden. Illustration: J. Herrele

In Wirklichkeit können wir es ja alle schon nicht mehr hören. Trotzdem reden wir ständig darüber, jeden Tag, zumindest geht es mir so – mit Kollegen, Freundinnen, Familie. Corona bestimmt unseren Alltag und also auch ganz massiv unsere Gespräche. Man kommt der Sache nicht aus. Corona-Talk ist der neue Smalltalk: Egal, worüber du sprichst, irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem das Thema nicht mehr vermeidbar ist. Du und dein Gegenüber seht euch an, beide wissen, dass Corona in der Luft liegt (metaphorisch, versteht sich). Egal, wer als nächstes spricht, sie wird das Kind beim Namen nennen und auf die Pandemie referenzieren müssen. Das Gespräch gerät ins Stocken, keine will die Erste sein, die jetzt eine Plattitüde bringt. Es zählt, um jeden Preis die Formulierung »in der aktuellen Situation« zu vermeiden. Aber wie soll man über seinen Alltag, seine Arbeit oder seine Hobbys reden, wenn der »neue« Alltag sich immer noch nicht alltäglich anfühlt, man arbeitslos, in Kurzarbeit oder im Dauerhomeoffice ist, und keinen Hobbys nachgehen kann, die nicht innerhalb der eigenen vier Wände Platz finden?

Paranoia und Pragmatik

Aber es hat sich mehr geändert. Plötzlich werden in Kreisen, in denen man sich immer über Anti-Vaxxers lustig gemacht hat, Impfungen mehr oder weniger kontrovers diskutiert. Insbesondere von verpartnerten Freundinnen, die in ein paar Jahren unbedingt Kinder wollen, kommen zweifelnde Kommentare. Jeder wissenschaftlichen Evidenz trotzend heißt es, man würde sich eh impfen lassen, wenn man schon Kinder hätte, aber so, wie die Dinge stünden, wolle man »lieber auf Nummer sicher gehen« – eine absurde Umkehr des Begriffs »sicher«, der durch den scheinbaren Gegensatz von individuellen (Kinderwunsch) und kollektiven Interessen (Herdenimmunität) entsteht.* Gleichzeitig erzählt die befreundete Ärztin, dass bei ihr im Provinzspital schon wieder ein Vierzigjähriger ohne Vorerkrankungen wegen Corona beatmet auf der Intensivstation liegt.

Überhaupt, die Sache mit der Sicherheit und der Freiheit. Wie findet man das richtige Maß? Ist man zu vorsichtig, kommt man sich paranoid vor, ist man zu lax, plagt gleich darauf das schlechte Gewissen. Beide Extreme bieten reichlich Stoff für Reibereien mit der Familie oder dem Partner. Dazu kommt, dass sich die persönliche Einstellung zur gebotenen Adhärenz an die Covid-Maßnahmen im Laufe der Zeit wandelt. So kann es sein, dass jemand, der im Juni die Nase gerümpft hat, wenn sich »zu viele Leute« in einem Innenraum trafen, dann selbst wenige Monate später trotz Winter-Lockdown selbst mit »zu vielen Leuten« in einem Innenraum zusammensaß. Immerhin können wir uns seit Anfang des Jahres zumindest in Wien unkompliziert testen lassen.

Besser diskutieren

Es gibt bücherlange Abhandlungen und terabyteweise Videos dazu, was man tun kann oder soll, wenn Familie oder Freunde zu »Querdenkern« werden. Weniger darüber geredet wird, wie es sich auf Beziehungen auswirkt, wenn man sich darin einig ist, vernünftig zu handeln und auf die Wissenschaft zu hören, aber im Detail dann eben unterschiedlicher Meinung, was diese Vernunft umfasst, wie etwa im Fall der Impfungen oder auch im Bezug auf die Rigorosität der jeweils aktuellen Maßnahmen. Die Erkenntnis, die ich aus solchen Auseinandersetzungen gezogen habe, ist bittersüß: Es erschreckt mich, wie anfällig Menschen für Blödsinn sein können, sobald etwas, das ihnen am Herzen liegt, gefährdet scheint (z.B. das Skifahren, die Grundrechte oder eben Babys), aber ich habe in diesen Diskussionen über Corona u.a. auch gelernt, mich nicht mehr so schnell angegriffen zu fühlen oder das Gesagte persönlich zu nehmen.

Insgesamt sind die Gespräche zwar weniger harmonisch, aber dafür interessanter geworden. Wo eine politische »Diskussion« in meinem Freundeskreis früher oft eher aus dem Abgeben eines Statements und einem darauf folgenden minutenlangen gegenseitigen Rückbestätigen dieser Aussage bestand (Stichwort »Ja voll!«), führen wir nun tatsächlich, naja, eine Diskussion. Das ist bereichernd und erfrischend, und gut für die Beziehung – denn während man einander den jeweiligen Standpunkt darlegt, öffnet man sich und empathisiert miteinander. Und auch, wenn man trotzdem dem anderen nicht zustimmen kann, lernt man doch zumindest etwas. Das setzt aber natürlich immer noch eine gewisse gemeinsame Basis und eine grundsätzliche Fähigkeit zur Reflexion voraus – mit waschechten Coronaleugnern wird ein solcher Austausch kaum möglich sein.

*Wer sich über die Covid-Impfung in Bezug auf die weibliche Fruchtbarkeit informieren will, kann das z.B. hier in diesem Video des renommierten Robert-Koch-Instituts tun, in dem Österreichs liebster Science Buster Martin Moder charmant erklärt, was es mit dem Mythos auf sich hat:  https://www.youtube.com/watch?v=cIf80tIIlBc

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

Back to Top