NOCH MEHR KULTUR

Einkaufszentren – Shopping(da)malls und heute

Walter Benjamin sah in ihnen einen physischen Ausdruck der Konsumkultur des 19. und 20. Jahrhunderts. Victor Turner ebnete den Weg zu Beobachtungen zu liminalen Orten; Orte, die nur dazu dienen, andere Orte miteinander zu verbinden. Und Marc Augè beschäftigte sich mit der Verbindung von Einkaufszentren und dem Konzept des Nicht-Ortes. Nicht nur Konsumtempel, sondern auch als Sozialisationsort der Postmoderne und identitätsstiftendes Gebäude für Millionen von Jugendlichen wirkt es selbst nach seiner Blütezeit, während der Handel übers Internet boomt, weiter auf uns und unsere Umwelt ein. Das Einkaufszentrum.

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© C. Gajsek

Ein Kurzer historischer Abriss

Das Einkaufszentrum ist eine mittlerweile recht alte Erscheinung der Konsumwelt. Bereits 1785 wurde die Passage du Prado in Paris errichtet und war der Vorgänger der Welle in Einkaufszentren, die zu einem typischen Bauwerk des im 19. Jahrhundert werden sollte. 1828, vier Jahrzehnte später wurde in Providence, Rhode Island, das erste amerikanische Einkaufszentrum, die Westminster Arcade, eröffnet. Das erste Einkaufszentrum im modernen Sinn, das Southdale Center, dessen Architekt der aus Wien vor den Nazis geflohene Victor Gruen war, wurde 1956 in Minneapolis errichtet. Normalerweise, um jetzt über Gruen den Bogen nach Wien zu spannen, hat sich bei uns die Denkweise etabliert, dass Österreich immer in etwa 10 Jahre hinter dem Weltgeschehen ist – eine Aussage, die schon alleinstehend interessant ist, aber erst richtig faszinierend wird, betrachtet man sie hauntologisch – doch in diesem Fall ist es tatsächlich anders. Nur ein Jahr später eröffnete im 3. Wiener Gemeindebezirk das Ausstellungs- und Einkaufszentrum, kurz AEZ.

Urbex et orbi

Während sich bei uns Urban Explorer hauptsächlich mit Weltkriegsbunkern beschäftigen, sind es in den USA oft Einkaufszentren, welche auf Grund der großen Pleitewelle, oder -"wellen", welche seit den 2010er Jahren nicht abreißen möchten und deren Ursachen mannigfaltig sind, eine Art Subgattung der urbanen Erforschung und Retro-Archäologie bilden. Von Vaporwave-Ästhetik und Musik transmedial begleitet, formen sie eine ganz eigene Welt von Betrachter und Betrachtetem, wie unzählige Videos auf etlichen Videoplattformen, aber auch Instagramseiten, welche sich mit "Dead Malls" beschäftigen, beweisen (U.a. zum Beispiel die Videokanäle Bright Sun Films, Dan Bell, Retail Archeology und Salvatore Amadeo und Quiet Studios oder die Instagramseite Retail Death). Auch in Hollywood kam das Einkaufzentrum als Schauplatz öfters zum Zug. Sehr prominent war es teil eines der besten Zombie Filme aller Zeiten, in "Dawn of the Dead" (George A. Romero, 1978) flüchten sich Überlebende dorthin, um den gefräßigen Massen zu entkommen und im Scifi-Horror Streifen "Chopping Mall" (Jim Wynorski, 1986) ist es sogar im Filmtitel vertreten.

Einkaufszentren um und in Wien

Wie bereits erwähnt gibt es unzählige Typen von Einkaufszentren und in gewisser Weise kann man die Markthalle wohl auch dazuzählen. Und welcher Artikel, der Markthallen erwähnt, wäre vollständig, ohne den von Elisabeth Spira inszenierten Blick in die schon lange nichtmehr existente Markthalle im dritten Bezirk zu erwähnen? Hierbei kommen alle Beteiligten zu Wort, Verkäufer*innen, Kund*Innen, Passanten, Schaulustige, Stammgäste und und und. Auch wenn bei uns meines Wissens nach keine echten "Dead Malls" vorkommen, so kann man, wenn zur rechten Zeit, so kurz vorm Zusperren, doch auch das "Donauzentrum", die "Millennium City", das "Shopping Center Nord", die "Lugner City" oder die Newcomer "Citygate", "Trillerpark" oder "G3" in Ruhe erwischen und die gespenstige Atmosphäre der leeren Hallen auf sich wirken lassen, der hallenden Schritte des unverwirklichten Potentials. Also doch ein wenig "Dead Mall".

Verlorene Tempel

Es ist interessant, dass die Geschichte, Kultur, Architektur und Philosophie dieser eigentlich rein zu Konsumationszwecken erschaffenen Orte dann doch Aufmerksamkeit bekamen, was natürlich zu krassen Gegensätzen und Dissonanzen führt. Ist es ist doch schon schwierig genug Mensch davon zu überzeugen, alte, von der Mehrheit als kulturell wertvoll erachtete Dinge, wenn nicht zu schützen, dann wenigstens zu dokumentieren, ist es umso schwieriger bei kommerziellen Bauwerken, die ihren Nutzen nicht mehr   erfüllen können. Die oben genannten Eigenheiten verschiedener Epochen des Einkaufszentrumsbaus, Stile, Aufbauten etc., gehen daher oft beinahe zur Gänze verloren, so wie auch Werbung nur geringfügig dokumentiert werden kann, da die meisten Firmen keine Archive dafür haben, weshalb der Trend zur Videoaufzeichnung dieser verwaisten Orte ein wichtiger ist.

Und in so einer leeren Halle begegnet man vielleicht einmal dem "Flaneur" der Passagen Walter Benjamins, kneift die Augen zusammen und sieht im liminalen Raum Victor Turner oder nicht-beobachtet Marc Augè im Nicht-Raum.

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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